Mehrspalten-Bücher

Wenn es um das Spätwerk Arno Schmidts und insbesondere um ›Zettel’s Traum‹ geht, fällt häufiger das Schlagwort von »Mehrspalten-Büchern«. Auch Schmidt benutzte diesen oder ähnliche Begriffe zur Beschreibung der Textstruktur. So heißt es in ›Vorläufiges zu Zettels Traum‹ (1969):

Ich habe bereits früher einmal ein Zwei-Spalten-Buch vorgelegt; es ist ›Kaff, auch Mare Crisium‹ […]. In ›Zettels Traum‹ sind es nun sogar drei große TextSträhnen. Nicht daß ich den Ehrgeiz hätte, möglichst viele Handlungen nun durcheinanderzuwirren diese SpaltenTechnik hat ohnehin ihre Höchstgrenze nämlich bei vier.

In den ›Berechnungen II‹ (1955) wird die Mehrspaltigkeit von Texten als logische Konsequenz entwickelt, wenn es darum geht, Realität und Gedankenspiele einer Figur abzubilden:

Die Frage, welche Druckanordnung diesem Tatbestand zweier einander im allgemeinen ablösender, selten durchdringender, Erlebnisbereiche am gerechtesten wird, erledigt sich sehr einfach: die Buchseite muß, um dem Fachmann die Erkenntnis der Struktur, dem Leser (Nachspieler) Unterscheidung und Übergang aus einem Bereich in den anderen zu erleichtern, in eine linke […] und eine rechte […] Hälfte geteilt werden.

Dabei handelt es sich allerdings fast nie um parallel laufende Textspalten, eher um ein den Texten zugrunde liegendes Ordnungsmuster, das festlegt, wohin der Text wandern soll. Bei ›Kaff auch Mare Crisium‹ (1960) steht die Handlung, die auf der Erde spielt, in der linken, die von Karl Richter erfundene Mond-Erzählung in der rechten Spalte. An Hans Wollschläger, der sich von der entwickelten Mehrspaltigkeit nicht überzeugt zeigte und eher an eine Differenzierung über die Drucktypen dachte (BA Briefe IV, S. 225), schrieb Schmidt am 1. März 1960:

Ich mache nicht direkt ›2 Spalten‹; sondern lasse die beiden Bezirke breit übereinander greifen – stellen Sie sich ungefähr eine Drittelung der Seite vor, so etwa:
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– – – – – – – ...... usw.
BA Briefe IV, S. 229

Entsprechend gibt es in ›Zettel’s Traum‹ auch keine drei nebeneinander laufende Textspalten, sondern eine große Textsäule, die fast absatzlos über die Seite mäandert, meist in der Mitte bleibt, aber nach links ausschwenkt, wenn sich der Text mit Edgar Allan Poe beschäftigt, nach rechts, wenn es sich um Gedankenspiele des Ich-Erzählers oder ähnliches handelt. Zudem stehen links oder rechts mehr oder weniger lange Marginalien zum Haupttext. Echte Mehrspaltigkeit, die parallele Notation gleichzeitiger Handlung, gibt es nur sehr selten.

Für seine Übersetzung/Bearbeitung von ›Finnegans Wake‹ und den nie geschriebenen Roman ›Lilienthal‹ schwebte Schmidt ein vierspaltiger Druckbild vor (BA Briefe IV, S. 298; BA Sup 2, S. 101 u. 127).

Zuletzt geändert: 8.4.2020