Arno-Schmidt-Chronik

Mittwoch, 3. März 2021

Zum 100. Geburtstag Arno Schmidts erschien am 18. Januar 2014 die Lieferung 375–377 des ›Bargfelder Boten‹, die auf rund 100 Seiten eine detaillierte ›Chronik von Leben und Werk‹ Arno Schmidts bietet. Erstellt hat diese wertvolle Arbeit Friedhelm Rathjen, der hier erstmals in einer soliden tabellarischen Auflistung alle bekannten biographischen Daten zu Arno Schmidt minutiös zusammenträgt und dafür rund 100 Quellen ausgewertet hat. Einziges Manko: die einzelnen Einträge besitzen keinen Quellennachweis, aber Rathjen ist ein notorisch penibler Arbeiter, und seine Chronik hielt bislang allen Überprüfungen souverän stand.

Vergleichbares gibt es derzeit nicht und bis zum Erscheinen der von der Stiftung seit einer längeren Weile angekündigten Biographie bleibt Rathjens Chronik ein unverzichtbares Nachschlagewerk und eine wichtige Ergänzung der ›Bildbiographie‹ (wer mag, kann diese auch als opulente Ergänzung jener sehen).

Leider ist die Lieferung 375–377 des BB seit einiger Zeit vergriffen, aber nun gibt es gute Nachrichten: Rathjen kündigt eine überarbeitete und erweiterte Fassung im Selbstverlag an (188 Seiten, Hardcover, 17 × 22 cm, 30 Euro). Erweitert wurde die Chronik auch um ein umfängliches Werk-, Personen- und Medien-Register:

Ziel dieser Chronik ist es, möglichst alle zuvor nur verstreut greifbaren Fakten zur Entwicklung Schmidts und seines Werks, soweit sie eine Datierung erlauben, zu komprimieren und nach der Zeitleiste zu sortieren. Mit der Chronik wird Leserschaft und Forschung ein Referenznetz an die Hand gegeben, das es auch erlaubt, eigene Beobachtungen und Thesen leichter und schneller auf ihre Stimmigkeit hin zu überprüfen.

Der Band kann auf Rathjens Seite bei Booklooker bestellt werden.

AS-Bibliographie bis zur 20. Nachlieferung

Donnerstag, 18. Februar 2021

Auf den Webseiten der GASL steht nun Karl-Heinz Müthers große Arno-Schmidt-Bibliographie bis inkl. der 20. Nachlieferung als PDF zum Download bereit (Stand: 11.11.2019, 18.553 Datensätze). Die Nachlieferung kann auch einzeln geladen werden.

1 Hörbuch & 1 Ausstellung

Samstag, 6. Februar 2021

Wie Arno Schmidt Stiftung bei Twitter (und Facebook) kurz notiert, liest derzeit Ulrich Matthes das ZT-Lesebuch als Hörbuch ein. Das Hörbuch soll im Aufbau-Verlag erscheinen, ein Termin wurde noch nicht genannt. Update 10.2.: Inzwischen hat die Stiftung in ihrem Blog als Termin den Herbst genannt; Regie bei den Aufnahmen führt Bernd Rauschenbach, der Herausgeber des Lesebuchs.

Zudem wird im Blog der Stiftung auch auf die Ausstellung »Vom Wert der Kleidung« hingewiesen, die am 3. Dezember in Celle eröffnet und vom Bomann Museum in Kooperation mit der Stiftung veranstaltet wird. Zu den Ausstellungsstücken gehört auch nachgelassene Kleidung von Arno und Alice Schmidt:

Der textile Nachlass von Arno und Alice Schmidt umfasst Stücke aus den 1930er Jahren und der Kriegs- und Nachkriegszeit. Eine so umfangreiche Sammlung der Kleidung eines Paares, die von früher kleinbürgerlicher Ausstaffierung über ärmliche Flüchtlingskleidung bis zu typischen Stücken der 60er und 70er aus dem Versandhandel reicht, hat Seltenheitswert.

Kurzmeldungen

Samstag, 30. Januar 2021

Im ›Sonntagskurier‹, der Sonntags-Ausgabe von des ›Weser-Kurier‹ und der ›Bremer Nachrichten‹ vom 24. Januar findet sich eine kurze Meldung zu Schmidts Bemühungen um die Küster-Stelle St. Jürgen (anscheinend nicht online verfügbar).

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Im ›Westfälischen Anzeiger‹ (und den damit verbundenen diversen Lokal-Zeitungen) weist Ralf Stiftel auf das ZT-Lesebuchs und den Sammelband mit Beiträgen zu ›Zettel’s Traum‹ aus dem ›Bargfelder Boten‹ hin. Der Text ist online abrufbar.

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Der Deutschlandfunk wiederholte ein Gespräch, das Britta Bürger im April 2019 mit Friedrich Forssman geführt hat. Die Sendung kann auf der Website nachgehört werden.

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Carmen Maria Thiel schrieb 2007 ihre Magisterarbeit zum Thema ›Das Urheberrecht und die 68er-Bewegung‹ und legte den Schwerpunkt auf die Raubdrucker-Szene der Zeit (PDF, 92 Seiten). Natürlich geht es auch um den Raubdruck von ›Zettel’s Traum‹ und dessen Rezeption.

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Peter Kock und Björn Ziegert haben sich bei literaturkritk.de über das ZT-Lesebuch unterhalten (nein, Susanne Fischer hat nicht »mit kühner Hand die Auswahl getroffen«, das war der Herausgeber Bernd Rauschenbach).

Website zu Jörg Drews

Sonntag, 17. Januar 2021

In einem undatierten Brief Eberhard Schlotters an Arno Schmidt heißt es:

Becks schrieb […] auch ein Artikel eines C.D.U. Blattes in dem Schmidt als einziger Deutscher mit Weltgeltung bezeichnet wurde, lag dabei.

Schmidt reagierte am 18. August 1963 auf diese Mitteilung und schrieb an Schlotter:

Diese komische CDU=Illustrierte – ich lese das Zeugs, nach unwandelbarer Taktik gar nicht erst; meine Frau sagt, es sei ganz vernünftig, z.T. sogar sehr klug. (Der Verfasser ist übrigens ein gewisser Jürgen Drews aus München : kennt ihn Becks etwa?).

Jürgen heißt natürlich Jörg, und die »CDU=Illustrierte« ist das 1954 gegründete Magazin ›Civis‹, das sich, so die Wikipedia, »als Theorieorgan des RCDS« verstand und in seiner August-Ausgabe 1963 den Aufsatz ›Arno Schmidt: Außenseiter oder Mittelpunkt?‹ von Jörg Drews brachte, der in ÜAS II auf den Seiten 84 bis 91 nachgelesen werden kann. Die von Schlotter erwähnte Formulierung findet sich dort übrigens nicht, wohl aber die Formulierung, Schmidt sei »der bedeutendste deutsche Prosaschriftsteller unserer Zeit.«

Dieser frühe Aufsatz zu Arno Schmidt kann auf der neuen Website joerg-drews.de zwar nicht nachgelesen werden, doch dafür bietet diese von Christiane Heuwinkel aufgebaute Website zu Jörg Drews zahlreiche andere, durchwegs lesenswerte Texte von und über Jörg Drews, darunter natürlich Texte zu Arno Schmidt.

Die informative und auch unterhaltsame Site kann nur nachdrücklich zum Stöbern und, dank Volltextsuche, auch gezieltem Nachschlagen empfohlen werden.

›Besser Wohnen‹

Dienstag, 5. Januar 2021

Bernd Rauschenbach hat zahlreiche informative und kluge Aufsätze zu Arno Schmidt geschrieben, die nur einen Nachteil hatten: Sie waren über verschiedene Publikationen verstreut, manchmal versteckt und obendrein teilweise seit Längerem vergriffen. Da ist es erfreulich, dass nun im Wehrhahn-Verlag ein Sammelband erschienen ist, der diese Aufsätze wieder im handlichen Format zugänglich macht:

Bernd Rauschenbach, ›Besser wohnen. Studien zu Leben und Werk Arno Schmidts‹, Hannover, Wehrhahn 2020.
328 Seiten mit 14 Abbildungen, ISBN 978–3–86525–800–7, 24,80 Euro.

Auf der Verlagswebseite zum Buch findet sich auch eine Leseprobe.

Der Band versammelt folgende Aufsätze:

  • Ein Tablett voll glitzernder snapshots. Schwierigkeiten beim Entwerfen einer Arno-Schmidt-Biographie
  • Besser wohnen. Bargfeld Nr. 37 und der Weg dorthin
  • Prügel und Wörter. Arno Schmidt lernt lesen
  • Schwager Levy. Eine Art Wiedergutmachung
  • Ein Bardur. Flüge vom Balkon und andere Fluchten
  • Wasser ist zum Waschen da. Beobachtungen zum Abscheu vor dem Organischen bei Arno Schmidt
  • »I wouldn’t have it as a gift«. Einige unvollständige Beobachtungen und herumschweifende Überlegungen zu Arno Schmidts Goethepreisrede
  • Die seltsame Tochter. Ein Florilegium
  • … a very mad affair … Liebe und Tod am Dümmer
  • Erdachte Gespräche. Arno Schmidts monologische Dialoge
  • Zur Konfirmation. Mehr als eine Brotarbeit
  • Löffel und Gespenster. Literaturwissenschaft als Hilfswissenschaft
  • Arno Schmidt und Design. Von treuen Dingen

2 Notizen

Freitag, 25. Dezember 2020

Die 21. Nachlieferung zu Karl-Heinz Müthers Arno-Schmidt-Bibliographie ist erschienen.

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Am 16. Dezember stellte Matthias Schümann beim NDR im Rahmen der Sendung ›Neue Bücher‹ das Lesebuch zu ›Zettel’s Traum‹ vor. Der fünfminütige Beitrag kann bis zum 16. Juni 2021 nachgehört werden.

Bargfelder Bote, Lfg. 457–458

Freitag, 25. Dezember 2020

Die Lieferung 457–458 des ›Bargfelder Boten‹ ist erschienen. – Inhalt:

  • Ulrich Klappstein, ›Klopstock, oder wozu die »Deutsche Gelehrtenrepublik« Arno Schmidt herausforderte. Eine Spurensuche‹
  • Günther Flemming, ›Fröhliche Magerkeit‹
  • Friedhelm Rathjen, ›Über die Sterblichkeit‹ (Rezension von Leonhard Hieronymi, ›In zwangloser Gesellschaft‹)
  • Gehört, gelesen, zitiert
  • In letzter Zeit ist erschienen und zu unserer Kenntnis gelangt

Kleinigkeiten

Samstag, 12. Dezember 2020

Einige kurze Notizen zu neueren Meldungen:

  • In der Schriftenreihe ›Spuren‹ ist ein Heft zu Arno Schmidt erschienen: Georg Patzer, ›Arno Schmidt und Ulm‹. Eine lobende Erwähnung findet sich in der SZ.
  • Georg Patzer hat für das Online-Magazin ›Titel‹ den Reprint von ›Zwischen den Kriegen‹ und das neue Marbacher Magazin zu Peter Rühmkorf rezensiert, das anlässlich der ›»Laß leuchten!«‹-Ausstellung erschienen ist. Naturgemäß wird hier auch Arno Schmidt erwähnt.
  • Ein Facebook-Posting der Arno Schmidt Stiftung verrät etwas über kommende Publikationen: Derzeit wird »ein kleines Buch über den Zettelkasten zur Julia. Mit vielen Abbildungen« vorbereitet, das »voraussichtlich im Herbst 2021« erscheinen wird. (Nein, Facebook wird hier nicht verlinkt.)
  • In Michael Maars Buch ›Die Schlange im Wolfspelz. Das Geheimnis großer Literatur‹ (Rowohlt, 2020) wird Schmidt mehrfach erwähnt, es findet sich auch ein 5-seitiger Abschnitt zu ihm: ›Ein Phall für sich‹. (Ich muss ja zugeben, dass mich derartige Wortspiele im Titel eher abschrecken.)
  • In der ›Zeit‹ empfehlen Oskar Piegsa und Christoph Twickel »Platten und Bücher aus Hamburg, die auf den Gabentisch gehören«. Mit dabei als Geschenk Für Unbezwingbare: das ›Zettel’s Traum‹-Lesebuch.

›Zettel’s Traum. Ein Lesebuch‹

Dienstag, 24. November 2020

Schon seit rund vier Wochen ist ›Zettel’s Traum. Ein Lesebuch‹ auf dem Markt. Da wird es aber hohe Zeit, der Chronistenpflicht zu gehorchen und, wenn ich schon derzeit nicht dazu komme, das Buch ausführlicher vorzustellen, zumindest sein Erscheinen zu vermelden und auf die ersten Reaktionen zu verweisen.

Bereits am 6. November meldete sich Marius Fränzel in seinem Blog zu Wort und resümmierte:

[Das Lesebuch] liefert einen lesbaren, witzigen und durchaus gelungenen späten Roman Arno Schmidts. Aber es ist zugleich auch ein großer Schritt hin zu dem Eingeständnis, dass ›Zettel’s Traum‹ ein missglücktes Buch ist, eines, in dem der nun gehobene Roman untergegangen ist, der nur unter Opferung alles übrigen gerettet werden kann.

Am 20. November lobte Tilman Spreckelsen in der FAZ (›Das klirrende Gelächter der vierten Instanz‹) die »souveräne Auswahl des Herausgebers Bernd Rauschenbach«:

Am Ende seufzt Wilma: »der ganze Tag kommt Ma vor, wie’n wüster Alp –: Ch hab zu=viel gelebt heute.« Dass man das als Leser ganz anders sieht, dass man ein dringendes Verlangen nach einer wiederholten, ausschweifenden Lektüre von ›Zettel’s Traum‹ entwickelt, ist dieser Handreichung zu verdanken.

Die FAZ nimmt das Lesebuch auch gleich zum Anlass für eine etwas bemühte Hommage und kalauert sich durch die Titel Schmidt’scher Werke. Andere Beiträge der Literaturbeilage sind etwa mit ›Dasein mit Goldrand‹, ›Musikergespräche im Pandämonium‹, ›Mühe in Halbtrauer‹ und so weiter überschrieben – you get the idea …

Auch ›Lesart‹, das »unabhängige Journal für Literatur«, bespricht in der aktuellen Ausgabe 4/2020 auf S. 63 das Lesebuch positiv (›Schmidt lesen? Auf jeden Fall!‹). Hier zieht Matthias Schümann das Fazit:

Hat man sich erst mal »eingefuchst« mit dem orthografischen Sonderweg Schmidts, dann geht die Lektüre zusehends flotter vonstatten. Und macht Lust auf das komplette Werk.

›Lesart‹ nutzt ebenfalls die Gelegenheit zu einem kleinen Arno-Schmidt-Schwerpunkt. Auf S. 64 f. stellt Susanne Fischer ›Zettel’s Traum‹ vor (›Ein Monument für Poe und Pagenstecher. Was für ein Buch: 50 Jahre Arno Schmidts Typoskript-Roman ›Zettel’s Traum‹‹), im Anschluss folgt auf S. 66 f. eine Rezension zum neu aufgelegten Band IV von Theweleits Pocahontas-Studie (Stephan Lesker, ›‹Arno Schmidt und die Häuptlingstochter‹).

Und ich selbst? Nun, vielleich werde ich da mal ausführlicher und grundsätzlicher. Bis dahin mag es genügen, dass ich derzeit mit großem Vergnügen im Lesebuch lese und doch ein ums andere Mal laut auflachen muss. Je länger meiner Lektüre zurücklag, desto stärker und störender scheint meine Erinnerung daran unter den schieren Massen des Etymgerölls begraben worden zu sein – bis ich anscheinend völlig vergessen hatte, was für ein komischer, trauriger, herzbeengender, großer Roman ›Zettel’s Traum‹ ist. Oder vielleicht genauer: Hätte sein können.