Zahnärzte

Freitag, 10. März 2017

»… jeder schöngeistige Zahnarzt ist ernsthaft der Meinung, er sei dem Künstler über, weil er ihn ablehne …«

Kurt Tucholsky, ›Die Aussortierten‹ (1931)

»Arno Schmidt: Eine Wildsau im Acker unserer deutschen Sprache!«

Dr. Hans Spierling, Zahnarzt (Leserbrief im ›Spiegel‹ 23/1959)

»Ich versetzte dem Namensschild des Inhabers, freilich war es ein Zahnarzt, einen komplizierten Tritt, und verließ das Lokal.«

Arno Schmidt, ›Schwarze Spiegel‹ (1951)

Arno Schmidt, die ›Gelehrtenrepublik‹ und Stephen King

Donnerstag, 9. März 2017

Die Arno Schmidt Stiftung setzt die Reihe der Einzelausgaben von Arno Schmidts Texten fort. In rund zwei Wochen, genauer: am 28. August und also an Goethes Geburtstag, soll ›Die Gelehrtenrepublik‹ als Band 1410 in der ›Bibliothek Suhrkamp‹ erscheinen.

Wie schon bei den vorherigen Einzelausgaben steuert auch diesmal ein zeitgenössischer Autor ein Nachwort bei. Nach Georg Klein (›Das steinerne Herz‹), Hans-Ulrich Treichel (›Nobodadday's Kinder‹) und Sibylle Lewitscharoff (›Seelandschaft mit Pocahontas‹) ist die Reihe nun an Dietmar Dath.

Sein Nachwort wird in der aktuellen Ausgabe der österreichischen Literaturzeitschrift ›Volltext‹ (Lfd. Nr. 26; Nr. 4 / 2006, August / September) auf den Seiten 3 f. vorabgedruckt:

Kalter Krieg, tote Welt, neuer Stil. Wie Arno Schmidt 1957 wieder einmal ein schwer verkäuflicher Bestseller gelang.
Darin zieht Dath Parallelen zu – tja, wem? Genau, Stephen King:
Zu Kings Leben und Werk sind drolliger- und gewiß zufälligerweise in der Gelehrtenrepublik mehrere teil verborgene, teil täuschend explizite Verweise zu entdecken. [...] Die frappanteste stoffliche Korrespondenz zwischen Kings und Schmidts Schaffen aber, die, wüßte man es nicht besser, tatsächlich Phantasien darüber anregen könnte, wer hier wen gelesen hat, betrifft die postatomare Schauerwelt [...].
Oder, um die Verlagswerbung zu zitieren:
Im Nachwort stellt Dietmar Dath, Feuilletonredakteur der ›Frankfurter Allgemeinen Zeitung‹ und Autor des Briefromanessays ›Die salzweißen Augen‹ (2005) sowie des Romans ›Dirac‹ (2006), einen überraschenden und erhellenden Vergleich zwischen Arno Schmidt und Stephen King an, der auch erklärt, warum der Amerikaner es leichter hat, ein großes Publikum zu erreichen, als der deutsche Autor.

Wer Daths Faible für King und andere unterschätzte Trivialitäten abseits der Trampelpfade bundesdeuter Feuilletonistik kennt, der wird allerdings nicht ganz so überrascht sein.

Arno Schmidt, ›Die Gelehrtenrepublik. Kurzroman aus den Roßbreiten‹, mit einem Nachwort von Dietmar Dath, Frankfurt a. M., Suhrkamp 2006 [= Bibliothek Suhrkamp 1410]

Schmidt erfindet einen Brief Nietzsches

Dienstag, 21. Februar 2017

Ein kleiner Nachtrag zum gestrigen Beitrag. Dort zitiere ich aus einem Brief von Hans Wollschläger, in dem er schreibt, Schmidt habe »ganz ähnlich« wie beim erfundenen May-Brief »einen Brief Nietzsches fingiert«. Das wollte ich doch gern einmal etwas genauer wissen und habe die digitale BA nach Nietzsche-Nennungen bzw. einem Zitat aus einem Nietzsche-Brief durchsucht. Da gibt es nur eine passende Fundstelle (›Aus dem Leben eines Fauns‹, BA I, 1, S. 307):

Ich schlug die biegsame blaue Kröner-Ausgabe auf, und las den Brief, den Friedrich Nietzsche 1891 von der Hebrideninsel Skye an Jakob Burckhardt gerichtet hat: »..... Am Strande, zwischen Planken und anderem stürmisch gekrümmtem Holz, und ein ganzer Himmel von Seesternen wimmelt langsam um mich Schreibenden her: wir bauen die Drachen nun doch ohne furchtsames Verdeck; am ersten Mast wallt schon die Segeldecke mit scharfer roter Borte. – Zwei der Boote werden vorausfahren, als Spähtrupp, als Raben, als Templeisen. Ich, Führer des Haupttreffens, folge wenige Tage später mit den restlichen sechs Schiffen: mein nächstes Lachschreiben (sic!), Freund, wirst Du bereits aus Helluland erhalten, sobald wir die Baustellen für unsere shanties uns auserlesen haben .....« (dann wirrte sich aber der Text, und ich schlug die Seite um, und geriet in Fragmente und Notizen, bis ich erwachte. – Geschieht mir oft, so in Büchern zu blättern. Aber komisch, wo ich N. doch sonst nicht verknusen kann!).

Dieser Brief ist offensichtlich eine Erfindung: 1891 – zwei Jahre nach seinem Zusammenbruch in Turin – war Nietzsche nicht auf Skye, sondern bei seiner Mutter in Naumburg. Aber Wollschlägers Vergleich mit dem fingierten May-Brief ist ein wenig schief. Bei der ›Faun‹-Stelle handelt es sich um eine Fiktion innerhalb einer Fiktion, die obendrein auch als Übergang in den Schlaf gelesen werden kann, der Brief also gar nicht zitiert, sondern vom Ich-Erzähler geträumt wird (wozu auch der Tonfall passt, der an ›Enthymesis‹ oder ›Gadir‹ erinnert). Beim Essay ›Abu Kital‹ setzt Schmidt die Brief-Fiktion dagegen als Beweismittel ein – aber vielleicht ist der erfundene May-Brief auch nur ein Signal mehr, dass man Schmidts Radio-Essays nicht mit literaturwissenschaftlicher Elle messen sollte.

Vermutlich ist das eine alte Kamelle und steht wohl schon in Dieter Kuhns ›Kommentierendes Handbuch zu Arno Schmidts Roman »Aus dem Leben eines Fauns«‹, München 1986, das ich nicht zur Hand habe. Sei’s drum.

Wie Arno Schmidt einen Brief Karl Mays erfand

Montag, 20. Februar 2017

In Schmidts Dialog ›Abu Kital‹ aus dem Jahr 1957 findet sich – BA II, 2, S. 50 – folgendes vorgebliches Zitat aus einem Brief Karl Mays vom 14. Oktober 1902, in dem May angeblich Nietzsches Sprache zu recht »schulmeistert«:

Können Sie Jemanden bewundern, der es fertig bringt, zu schreiben (jetzt breit leiernd): ›Die Naturwissenschaft der Tiere bietet ein Mittel, diesen Satz wahrscheinlich zu machen‹? (wieder normale Stimme): Statt ›Naturwissenschaft der Tiere‹ müßte es doch wohl zumindest ›Naturwissenschaft von den Tieren‹ heißen; aber selbst so: wo lebt der Mensch, dem dafür nicht ›Zoologie‹ einfiele? Dann weiter; sie ›bietet ein Mittel‹?: er meint wohl: ›sie bietet Material dar‹? Auf gut Deutsch jedenfalls hieße Nietzsches Schwulst: ›Die Zoologie könnte vielleicht Beweismaterial liefern‹ – und das ist Einer, der von sich rühmt, ›an einer Seite Prosa zu arbeiten, wie an einer Bildsäule‹?!«

An wen dieser Brief gerichtet gewesen sein soll verrät Schmidt ebenso wenig wie den Fundort. Nun ist es zwar nicht unmöglich, dass Schmidt 1957 einen Brief Mays in die Finger bekommen hat, dem er das Zitat entnahm – aber es ist doch ziemlich unwahrscheinlich. Auch irritiert der knappe, pointierte Tonfall. Obendrein wäre dieser Brief wohl die einzige Stelle, an der May die Wörter »zumindest« und »Schwulst« benutzt, die sich ansonsten im Gesamtwerk nicht nachweisen lassen. Kurz: das Zitat passt einfach nicht zu Karl May – wohl aber zu Arno Schmidt.

Hans-Rüdiger Schwab bringt in seiner Untersuchung zu May und Nietzsche zwar dieses Zitat, schränkt in einer aufschlussreichen Fußnote seine Validität aber deutlich ein:

Hans Wollschläger hält diesen Brief »für eine Erfindung Schmidts, der mir auf Fragen nach der Quelle immer ausweichend antwortete; er hat ja auch ganz ähnlich einen Brief Nietzsches fingiert und liebte solche Fiktionen. In seinem Nachlaß ist jedenfalls keine Spur davon zu finden, wie er an ein solches Schriftstück gekommen sein könnte.« (Brief an den Verf. v. 21. 1. 2001).

Auch wenn Schwab sich etwas irritiert zeigt: Da wird Hans Wollschläger wohl ganz einfach recht haben – diesen Brief hat Schmidt schlicht erfunden.

Was Schmidt am 21. März 1962 im Fernsehen gesehen hat

Dienstag, 7. Februar 2017

In ›Sitara und der Weg dorthin‹ notiert Schmidt zu einem Bild von Sascha Schneider:

Blatt 9 bringt den, (neulich auch televisionär=schwebenden) WINNETOU; bei dessen Anblick ein plattdeutsch=hiesiger Dorfknabe – bis dahin leidenschaftlicher MAY=Verehrer entrüstet aufschrie: ›Dat iss ja ’n Mäkn!‹; was mir in seiner naiven Voxpopulität & als ›erste Reaktion‹ immerhin beachtlich & festhaltenswert erschien.

Diese Sendung erwähnt Schmidt auch in einem Brief an Hans Wollschläger vom 22. März 1962:

Gestern, bei der Television des schwebenden W. rief ein unbefangener ›Seher‹: ›Dat iss ja’n Meeken!‹ – Wie wahr, wie wahr.

Ich wollte gerne wissen, was Schmidt sich da angesehen hatte und wandte mich ans Deutsche Rundfunkarchiv, wo man meine Frage umgehend (nämlich innerhalb von 40 Minuten!) beantworten konnte:

Ich, Old Shatterhand und Kara ben Nemsi
Autor: Artur Müller
Regie: Artur Müller
Erstsendung: 21. März 1961
Dauer: 53 Minuten
Sender: ARD

Ok, muss man nicht unbedingt wissen. Aber es schadet auch nichts, wenn man es weiß.

Arno Schmidts Artikel in der NDB

Freitag, 13. Januar 2017

1959/1960 schrieb Schmidt drei Beiträge für die ›Neue Deutsche Biographie‹, und zwar zu Friedrich de la Motte-Fouqué, Samuel Christian Pape und Karl May. Ein vierter Beitrag zu Justus Erich Bollmann wurde zwar vereinbart, hier liegen aber nur einigen Exzerpte vor, einen entsprechenden Beitrag hat Schmidt nicht geschrieben. Der Beitrag zu Karl May wurde von der Redaktion nicht angenommen. Die beiden veröffentlichten Beiträge stehen auch online zur Verfügung:

Es gibt natürlich auch einen Beitrag zu Schmidt selbst, geschrieben von Bernd Rauschenbach:

scheinbar & anscheinend

Samstag, 7. Januar 2017

Zwischen »scheinbar« und »anscheinend« liegen bekanntlich ganze Bedeutungswelten. Da ist es einigermaßen verblüffend, dass Schmidt diesen Unterschied in seinem Werk immer wieder ignoriert (da er beide Wörter auch oft korrekt benutzt, kann man wohl davon ausgehen, dass ihm der Unterschied durchaus bewusst war). Warum macht er das? Darum:

Sie verkennen scheinbar – laut ›Duden‹ anscheinend: aber ich halte mich an die Umgangssprache; bzw. danach, ob ich ein zwei= oder dreisilbiges Wort im Text brauche […].
An Wilhelm Michels, 10. Februar 1959 (BWM, Nr. 117)

Dass er bei der Rechtfertigung seines nunja Fehlers gleich wieder einen macht und ein »danach« benutzt, wo man ein »daran« erwartet: das muss man wohl einfach hinnehmen.

Zündwurst

Samstag, 31. Dezember 2016

Am 10. Februar 1956 notierte Alice Schmidt in ihrem Tagebuch einen Besuch Wilhelm Michels. Man spricht über dies und das, und Arno Schmidt gibt Michels ›Geschichte auf dem Rücken erzählt‹ und ›Todesstrafe bei Sonnenschein‹ zu lesen, die Michels aber nicht recht zusagen. Bei ›Geschichte auf dem Rücken erzählt‹ erkennt Michels eines seiner Gastgeschenke wieder:

Er sagte: Ach da ist die Asbachflasche! Hier müssen wir vorsichtig sein. Herr Schmidt läßt das schnell mal erscheinen.

Was Schmidt umgehend bestätigt:

Arno: Jawohl, hier wird alles auf Kurzgeschichten verarbeitet!

Für diese umgehende Verarbeitung alltäglicher Bagatellen in Literatur liefert das Tagebuch wenig später ein hübsches Beispiel. Am 3. Mai notierte Alice Schmidt:

Dann keine V[orlesung], neues frz. Lexikon mit Sachs-Vilatte verglichen, ist doch auch im franz. Teil vieles anders. Auch älterer Wortschatz unverächtlich. Doch ein guter Kauf. Müssen auch viel lachen: Leitrinne in welcher die Zündwurst liegt: auget.

Drei Tage später, am 6. Mai, heißt es:

A […] schreibt Stürenburggeschichte ›Sonnenmetheor‹.

Gemeint ist die Erzählung ›Sommermeteor‹ – und in dieser Geschichte hat Schmidt den lustigen Fund aus dem Wörterbuch prompt verarbeitet:

Vorm Bücherregal. Ich griff eins heraus, dessen Farbe mir leidlich ins Gesicht fiel; dunkelgrüner Lederrücken mit hellgrünem Schildchen: ›J. A. E. Schmidt, Handwörterbuch der Französischen Sprache. 1855‹. Ich schlug aufs geratewohl auf, Seite 33: ›Auget = Leitrinne, in welcher die Zündwurst liegt‹ – ich kniff mich in den Oberschenkel, um mich meiner Existenz zu vergewissern: Zündwurst??!! (und dieses ›auget‹ würde ich nun nie mehr in meinem Leben vergessen; ein gußeisernes Gedächtnis ist eine Strafe!). –

Bleibt noch anzumerken, dass Schmidt, gußeisernes Gedächtnis hin oder her, das Wort »auget« anschließend nie wieder in seinem Werk benutzt zu haben scheint (die Volltextsuche der BA auf CD liefert exakt den einen Treffer in dieser Erzählung, das Register zu ›Zettel’s Traum‹ verzeichnet weder »auget«, noch »Leitrinne« oder »Zündwurst«).

»(das heiß’ ich mir doch einen Übergang!)«

Sonntag, 18. Dezember 2016

Die ›Rhein-Neckar-Zeitung‹ mit einer atemberaubenden Einleitung:

Wenn Sie schwere Literatur mögen, ist ›Zettels Traum‹ von Arno Schmidt ein guter Tipp. Das Monumentalwerk wird für 130 Euro angeboten, für die etwas bessere Ausstattung zahlen Sie 450 Euro. Wer es preiswerter haben will und weitaus bekömmlicher, der kann auf ›100 Jahre SV Sandhausen: Kleines Dorf – großer Fußball‹ ausweichen. Die 360 reich bebilderten Seiten in einem repräsentativen Einband bringen auch ihre drei Kilo auf die Waage. Schwere Literatur leicht gemacht.

Pur(t)zel

Samstag, 3. Dezember 2016

Am 1. Mai 1955 bekommt Minka, die Katze von Schmidts Nachbarn und Vermietern Neises in Kastel, vier Junge; eines davon behalten Schmidts – es ist ihre erste Katze. Am 10. Mai notiert Alice Schmidt in ihrem Tagebuch: »Ob wir’s Purtzel nennen?«, am 15. Mai hat man sich entschieden:

Purzel (so heißt er jetzt endgültig: kurfürstl. Hann. Salzgegenschreiber Purzel)

Purzel taucht immer wieder in Schmidts Briefen und Alice Schmidts Tagebüchern auf, wobei die Schreibweise des Namens zwischen »Purzel« und »Purtzel« schwankt. Am 25. Januar 1959 hat man sich wohl endgültig entschieden – an diesem Tag schreibt Schmidt an seinen Verleger Ernst Krawehl:

Auszug Brief Arno Schmidt Ernst Krawehl
(Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Arno Schmidt Stiftung.)

Die Katze begleitet Schmidts nach Bargfeld, wo sie am 5. Januar 1962 stirbt. Schmidt an Eberhard Schlotter, 19. Januar 1962:

Bei uns ist leider unser Purtzel am 5. gestorben – es ist immer schade um soviel Buntheit & Lustigkeit; (in einem kinderlosen Haushalt half er eben doch ›da=sein‹!). Also herrscht ausgesprochen Halbmast im Hause Schmidt.

Übrigens: Auch wenn Arno und Alice Schmidt in Bezug auf Pur(t)zel immer wieder von »er« reden – es war eine Katze, kein Kater.