›Selfmadeworld in Halbtrauer‹

Sonntag, 15. März 2020

Am Montag, den 16. März, bringt SWR2 im Rahmen seiner Reihe ›Aus den Archiven‹ die Sendung ›Arno Schmidt oder Eine Selfmadeworld in Halbtrauer‹ von Marcel Reich-Ranicki. Die Sendung wurde erstmals am 5. September 1967 vom Hessischen Rundfunk ausgestrahlt. Die Essay-Reihe bietet der SWR auch als Podcast an, die Sendung lässt sich also ab dem 16. März auch als Datei herunterladen.

Der Essay wurde am 13. Oktober 1967 in der ›Zeit‹ abgedruckt. Der damals 23jährige Gerd Haffmans schrieb daraufhin einen längeren Leserbrief, in dem er Reich-Ranicki vehement widersprach, den die ›Zeit‹ allerdings nicht abdruckte. Er erschien erstmals im Februar 1997 im ›Bargfelder Boten‹ Lfg. 214–216.

Der Essay samt einiger kritischer Reaktionen darauf ist nachzulesen in: ›Über Arno Schmidt II‹, S. 97–109.

›Zettel’s Traum‹ zum 50.

Sonntag, 8. März 2020

In diesem Jahr jährt sich das Erscheinen von ›Zettel’s Traum‹ zum 50sten Mal. Aus diesem Anlass publiziert die Arno Schmidt Stiftung auf Ihrer Facebook-Seite* (leider nicht in ihrem freizugänglichen Blog) jeden Freitag kleine Fundstücke, Schnipsel & Informationen zum Roman. Da erfährt man etwa, dass eine Vorzugsausgabe in Leder mit Kupferdeckeln geplant war. Die Ausgabe wurde nicht realisiert, es existiert allerdings noch der Blindband, der im Archiv der Stiftung aufbewahrt wird. Oder dass die ›Zeit‹ zur Buchmesse 1970 den Rummel um den Roman für die Werbung von Anzeigenkunden genutzt hat, was Alice Schmidt in ihrem Tagebuch am 13. Juli 1970 erfreut vermerkt:

Freuen uns sehr über kleines schwarzes Cellophankästchen »Zettels Raum« von der »Zeit«. Bessere Reklame kann man sich nicht wünschen.

Der Blindband und das Kästchen sind auf der Facebook-Seite der Stiftung zu sehen.

*Ich verlinke Facebook nicht, aber wer suchet, der findet …

Bargfelder Bote, Lfg. 447-449

Sonntag, 8. März 2020

Die Lieferung 447–449 des ›Bargfelder Boten‹ ist erschienen. Aus dem Inhalt:

  • Simon Gottwald, ›Düstere Mathematik. H. P. Lovecraft in ›Julia, oder die Gemälde‹‹
  • Günther Flemming, ›Leonhard Jhering (Ps.)‹
  • Rudi Schweikert, ›Das Skelett im Baum. Zur Schlussanekdote in Arno Schmidts ›Das heulende Haus‹

Bargfelder Bote, Lfg. 445-446

Samstag, 1. Februar 2020

Ein neuer ›Bargfelder Bote‹ ist erschienen. Aus dem Inhalt:

  • Kai U. Jürgens, ›Aushosung und Mordgedanke. Erotik und Verbrechen in Arno Schmidts Erzählung ›Die Wasserstraße‹‹
  • Winand Herzog, ›Als Arno Schmidt Alice das Weiße Kaninchen stahl. Zu einer möglichen Lewis-Carroll-Anspielung in Arno Schmidts ›Dankadresse zum GoethePreis 1973‹‹
  • Günther Flemming, ›Seltsame Tage – ein Katalog im Karton‹ (Rez.)

Reemtsmas liebstes Schmidt-Buch

Samstag, 18. Januar 2020

Die ›Welt‹ hat Jan Philipp Reemtsma nach seinen zehn Lieblingsbüchern gefragt. Zu den genannten Titeln gehört natürlich auch Schmidt, nämlich:

Arno Schmidt: Kaff auch Mare Crisium
Gewiss eines der schönsten Bücher Arno Schmidts und mir das Liebste. Wer bei seiner Lektüre nicht merkt, warum einige Schmidt für einen der großen Autoren (und gewiss den bedeutendsten der zweiten Hälfte) des 20. Jahrhunderts halten, der – nun ja – merkt es eben nicht. So was kommt vor, ist aber nicht bloß Ansichtssache, sondern Urteilsschwäche. […]

›Darmstadt in der Barbarei‹

Samstag, 14. Dezember 2019

Im Justus von Liebig Verlag erscheint demnächst als Veröffentlichung der Gesellschaft Hessischer Literaturfreunde ein von Ulrich Joost herausgegebener Band mit einer Auswahl von Erzählungen, die Arno Schmidt in Darmstadt geschrieben hat. Mit dabei sind ›Tina‹, ›Goethe‹ und einige andere Texte. Der Band wird auf der Webseite der Gesellschaft vorgestellt, der Verlag listet ihn noch nicht.

Arno Schmidt, ›Darmstadt in der Barbarei. Erzählungen aus seiner Darmstädter Zeit‹, hrsg. u. kommentiert von Ulrich Joost. Justus von Liebig Verlag, Darmstadt 2019 [2020?], 228 Seiten, ISBN 978-3-87390-425-5.

Bargfelder Bote, Lfg. 443-444

Montag, 2. Dezember 2019

Ein neuer ›Bargfelder Bote‹ ist erschienen. Aus dem Inhalt:

  • Sabine Kyora, ›Prekäre Allianzen. Schmidts Positionierung im Literaturbetrieb der 1950er Jahre‹
  • Rudi Schweikert, ›Der Münzenverschlucker. Zum anekdotischen Hintergrund von Arno Schmidts ›Nachbarin, Tod und Solidus‹‹
  • Gehört, gelesen, zitiert
  • In letzter Zeit ist erschienen und zu unserer Kenntnis gelangt

Katharina Schmid über Arno Schmidt

Mittwoch, 23. Oktober 2019

Am 30. Mai 1956 besuchten der Karl-May-Verleger Roland Schmid und seine Mutter Katharina Arno Schmidt in Darmstadt. Über diesen Besuch berichtet Alice Schmidt in ihrem Tagebuch, ein Besuchsprotokoll Roland Schmids liegt ebenfalls im Druck vor. Nun ist ein weiteres kleines Zeugnis zu diesem Besuch veröffentlicht worden. Am 6. Juni 1956 schreibt Katharina Schmid an Adalbert Stütz:

Inzwischen war ich mit Roland in Darmstadt, wo wir einen recht eigenwilligen und seltsamen Karl-May-Freund – Arno Schmidt – aufsuchten, der am 6.4.56 im Süddeutschen Rundfunk eine nicht uninteressante, aber teilweise recht angreifbare Sendung DER VORLETZTE GROßMYSTIKER – Arno Schmidt entdeckt Karl May brachte. Nun, wir haben uns persönlich aussprechen können, sind aber noch keineswegs ganz zufrieden und müssen weiter auf der Hut bleiben.

Tim Stütz, ›Der Winnetou kannte. Der Herrscher über die Indianersprachen: Adalbert Stütz‹, Bamberg, Radebeul, Karl-May-Verlag 2019, S. 222 f.

Der 10. März 1960

Sonntag, 13. Oktober 2019

In den Vorbemerkungen zu ›Kaff auch Mare Crisium‹ heißt es über das »vorliegende Buch« (BA III, 1, S. [9]):

Wer nach ›Handlung‹ und ›tieferem Sinn‹ schnüffeln, oder gar ein ›Kunstwerk‹ darin zu erblicken versuchen sollte, wird erschossen.

Unterzeichnet sind diese Vorbemerkungen von einem gewissen »D. Martin Ochs« vom »Individuumsschutzamt«, datiert sind sie mit »BARGFELD, den 10. März 1960«.

Diese Vorbemerkungen zitieren Mark Twains einleitende Notiz zum ›Huckleberry Finn‹, hier unterzeichnet ein »G. G.«, Chef der Artillerie, im Auftrag des Autors. Ganz so militärisch geht es bei Schmidt nicht zu, dafür muss der Autor hier niemanden beauftragen, sondern kann kraft seines Amtes die Drohung selbst aussprechen, ist das »Individuumsschutzamt« doch in Bargfeld beheimatet und »D. Martin Ochs« natürlich ein Anagram für »Arno Schmidt«. All das ist in der Forschung seit langem bekannt, bleibt aber noch das Datum (das bei Twain fehlt): Warum ausgerechnet der 10. März 1960? Hier bieten sich, soweit ich sehe, vier mögliche Erklärungen an:

  • Am 10. März 1933 legt Arno Schmidt sein Abiturprüfung ab (Hinweis von Peter Wörz).
  • Am 10. März 1949 erschien ein Vorabdruck des ›Leviathan‹ in der ›Zeit‹ – Schmidts erstes Auftreten als gedruckter Autor.
  • Der 10. März war der Geburtstag von Arno Schmidts Lektor Ernst Krawehl (Hinweis von Winand Herzog).
  • Am 6. März 1960 schickt Schmidt das Manuskript an Ernst Krawehl, am 10. März notiert Schmidt in seinem Tagebuch: »Brieftelegramm Krawehl: ›Kaff erhalten (›bezaubert‹?)« (Das Telegramm selbst ist allerdings vom 9. März, s. ›Postauto‹, s. 143)

Das Abitur-Datum scheint mir eine bloße biographische Koinzidenz, der Vorabdruck klingt etwas plausibler, allerdings war Schmidt entschieden gegen den Vorabdruck. Als Schmidts am 1. April 1949 endlich Belegexemplare bekommen, notiert Alice Schmidt in ihrem Tagebuch:

A. über Vorabdruck so wütend. Er hätte extra gesagt, er wünsche keine Teilabdrücke[!] & dieser so ungeschickt ausgewählt & fehlerhaft & sagt mir gleich B f. Ro an. Ich erkläre ihn für verrückt & bin auch der Ansicht, daß es Reklame macht, wenn vorher der Name des Autors schon in d. Zeitungen erscheint & seiner Werke braucht er sich doch keiner Zeile zu schämen & wären sie auch noch so ungeschickt ausgewählt. Und uns kommts doch so sehr auf die Auflagenzahl an. Doch A knirscht mit den Zähnen, verzerrt das Gesicht, ballt Fäuste, beschuldigt mich der Verräterei; würde Ro helfen & immer gegen ihn sein & da klingts in seiner Stimme fast wie Weinen in rasender Wut & ich bin wirklich in Angst, daß er einen Tobsuchtsanfall kriegt & wende mich still ab.

Ich halte es für eher ausgeschlossen, dass Schmidt mit der Datierung der Vorbemerkung ausgerechnet auf einen Vorgang anspielt, der ihn seinerzeit so sehr in Rage gebracht hat.

Winand Herzog sieht in der Datierung eine verkappte Widmung an Ernst Krawehl, schließlich habe Schmidt mit Krawehl »einen überaus verständigen und hingebungsvollen Leser« gewonnen. Auch diese Begründung des Datum scheint mir nicht stichhaltig. Zwar hat sich Krawehl hingebungsvoll für Schmidt eingesetzt, auch war er ein begeisterter Leser – allerdings sah Schmidt das wohl etwas anderes. Er ärgerte sich ein ums andere Mal über Krawehls Kommentare zu seinen Manuskripten und findet in seinen Tagebüchern und Briefen mitunter heftige Ausdrücke für ihn. Unterm Strich war Krawehl für Schmidt, fürchte ich, einfach nur ein weiterer Verleger, mit dem sich ein Autor nolens volens abfinden muss: »Hol’ der Henker alle Verleger!« (an Hans Wollschläger, 11. Oktober 1960).

Bleibt das vierte Datum, der Tagebucheintrag Arno Schmidts. Da Schmidt das Manuskript bereits am 6. März an Krawehl geschickt hat, funktioniert diese Erklärung natürlich nur, wenn man davon ausgeht, dass Schmidt die Vorbemerkungen erst später hinzugefügt, das Datum nachträglich geändert oder – falls er wie das Vorbild Twain usrprünglich auf ein Datum verzichtet hatte – ergänzt hat. Diese Frage lässt sich aktuell nicht beanworten, hier bleibt man auf Spekulation angewiesen. Dennoch tendiere ich dazu, das Datum an den Empfang des Telegramms zu knüpfen. Dann wäre die Datierung nicht nur keine Widmung, sondern ihr glattes Gegenteil: nämlich der versteckte Hinweis an Krawehl, sich mit Kommentaren und Urteilen zu Schmidts Texten gefälligst zurückzuhalten. So schreibt Schmidt etwa in einem etwas erbosten Brief am 7. April 1960 an Krawehl (›Postauto‹, Nr. 72):

Was speziell Sie anbetrifft, bin ich darüber hinaus sogar der frevelhaften Meinung: daß Sie getrost 1 MS von mir in die Druckerei geben könnten, ohne es überhaupt gelesen zu haben!

Und das ist doch mal eine klare Ansage …

Wenzel Storch über den Briefwechsel Schmidt / Wollschläger

Samstag, 12. Oktober 2019

Wenzel Storchs umfangreiche Rezension (bzw. kommentierende Nacherzählung) des Briefwechsel zwischen Arno Schmidt und Hans Wollschläger ist inzwischen auch online verfügbar: