LG (»Längeres Gedankenspiel«)

In ››Sind wir noch ein Volk der Dichter & Denker?‹‹ (August 1963) heißt es:

Und da ist endlich das allwichtige ›Längere Gedankenspiel‹, das man wohl auch unscharf als ›Tagtraum‹ bezeichnet […]. Das ›Längere Gedankenspiel‹ befindet sich in der Mitte zwischen Traum und Kunstwerk: was der Nacht der Traum, das ist dem Tag das Gedankenspiel. Und es handelt sich bei ihm um einen allgeläufigen, im Lauf des Lebens von Jedem hundertfältig praktizierten Vorgang: ob sich die Verkäuferin im Kaufhaus als ›berühmte Tänzerin‹ imaginiert […] und daraus […] Trost & Stärkung zieht; ob der Beamte sich zu seinem eigenen Vorgesetzten ernennt […]; ob der Bergmann über Tage sich den schönfarbigen Prospekt einer Bau=Gemeinschaft vornimmt […]: immer ist das Gedankenspiel einer unserer häufigsten & wichtigsten Bewußtseinsvorgänge.
BA III, 4, S. 319

Ausführlich erläutert Schmidt den Begriff erstmals in ›Berechnungen II‹ von 1955. Hier werden drei Typen von Längeren Gedankenspielen beschrieben. Dabei unterscheidet Schmidt zwischen den beiden »Erlebnisebenen« des Menschen: der »objektiven« und der »subjektiven Realität«, die er E I und E II nennt. Das Längere Gedankenspiel ist in dieser Theorie eine von der E II überformte E I, was Schmidt auf die Formel »LG = E I + E II« (BA III, 3, S. 276) bringt.

Als literarische Beispiele für Längere Gedankenspiele nennt er unter anderem ›Arthur Gordon Pym‹ von Edgar Allan Poe, Emily Brontës ›Wuthering Heights‹, Karl Mays ›Ardistan und Dschinnistan‹ oder auch seinen eigenen Roman ›Schwarze Spiegel‹. Allerdings handele es sich hier um Beispiele »»halbierter LG’s«« (BA III, 3, S. 277), zu denen die Wiedergabe von E I fehle. Für die korrekte literarische Darstellung müssten beide Erlebnisebenen im Druck nebeneinander dargestellt werden. Eine Einlösung dieser Forderung sah Schmidt im zweispaltigen Druck von ›Kaff auch Mare Crisum‹. So schreibt er am 22. Januar 1960 an Hans Wollschläger:

[›Kaff‹] ist lediglich 1 der 8 Pläne, zu denen ich seit vielen Jahren ausdauernd ›Zettel‹ sammelte – da bin ich auf die schlaue Idee gekommen: 2 davon zusammenzunehmen; und das Ganze als eine Art Beispiel zu BERECHNUNGEN II zu servieren; also ein E I als ›Realität‹, und ein E II als ›Play‹: sofort waren’s zusammen 2.000 Zettel!
Briefe IV, S. 219

Schmidt wird zwar nicht müde, exakte Formulierungen einzufordern, verirrt sich aber selbst in seiner Terminologie. So gehen in den ›Berechnungen II‹ die Begriffe durcheinander und E II erscheint – wie auch im Brief an Wollschläger – mitunter als Synonym für LG. In seinem späteren Essay ›Sylvie & Bruno‹ (1963) erläutert er seine Theorie erneut und weist hier die linke Spalte als »Realität« (also um in Schmidts Terminologie zu bleiben: als E I) aus, die rechte dagegen als »›LG‹« (BA III, 4, S. 260).

Zuletzt geändert: 2.4.2021