Fotoalbum

In den am 22. Oktober 1954 geschriebenen, auf einem ersten Entwurf vom 10. September 1953 basierenden Essay ›Berechnungen I‹ erläutert Schmidt einige seiner grundsätzlichen Überlegungen zu Prosaformen, worunter er die konforme »Abbildung von Gehirnvorgängen durch besondere Anordnung von Prosaelementen« versteht:

Ausgangspunkt für die Berechnung der ersten dieser neuen Prosaformen war die Besinnung auf den Prozeß des »Sich=Erinnerns« : man erinnere sich eines beliebigen kleineren Erlebniskomplexes, sei es »Volksschule«, »alte Sommerreise« – immer erscheinen zunächst, zeitrafferisch, einzelne sehr helle Bilder (meine Kurzbezeichnung : »Fotos«), um die herum sich dann im weiteren Verlauf der »Erinnerung« ergänzend erläuternde Kleinbruchstücke (»Texte«) stellen : ein solches Gemisch von »Foto=Text=Einheiten« ist schließlich das Endergebnis jedes bewußten Erinnerungsversuches.

Zur Abbildung dieses »bewußten Erinnerungsversuches« hat Schmidt eine Prosaform entwickelt, die er »Fotoalbum« nennt. Dabei werden zu Beginn eines Kapitels oder größeren Abschnitts zuerst stichpunktartig in einem abgesetzten Textkasten und in expressiver Sprache der Inhalt des Abschnitts zusammengefasst, anschließend erfolgt die zusammenhängende Ausarbeitung.

Schmidt hat zwei Texte in dieser Art geschrieben: ›Die Umsiedler‹ aus dem Jahr 1952 und die erst 1955 veröffentlichte ›Seelandschaft mit Pocahontas‹ aus dem Jahr 1953. Als weiteren Text dieser Art nennt Schmidt in einem Brief an Werner Steinberg vom 2. September 1955 noch die geplante Erzählung »Tandemfahrten (ein Fotoalbum)« (BA Briefe V, S. 179), die auch in ›Goethe und einer seiner Bewunderer‹ (1957) erwähnt wird (BA I, 2, S. 210). Diese Erzählung hat Schmidt zwar nicht geschrieben, ordnete sie aber in ›Die Gelehrtenrepublik‹ (1957) dem Schriftsteller Bob Singleton zu (BA I, 2, S. 316).

Zuletzt geändert: 10.4.2020