Achamoth

In der Nach vom 23. auf den 24. Dezember 1944 hatte Arno Schmidt, so behauptet er, einen Traum, der »ein merkwürdig geschlossenes Geschehen zeigte«. Angeblich hat er den Traum »sofort nach Erwachen« niedergeschrieben und eine »Reihe von Notizzetteln« angelegt (BA Sup 1, S. 13). Dieser Traum führte zu einem barocken Buchtitel, der hier nur stark gekürzt wiedergegeben, aber dank der elektronischen BA bequem nachgelesen werden kann:

Achamoth / oder / Gespräche der Verdammten, / das ist / gründliche und wahrhafftige Beschreybung der Reise, so Giovanni Battista Piranesi, napolitanischer Schiffer, in autumno des Jahres 1731 / nach Weylaghiri, der Höllenstadt, / gethan, […] / zu sonderbahrer Belehrung und geistlicher Befestigung / des teilnehmenden publico sorgfältig ins Teutsche übertragen / durch / Arno Schmidt.

Das klingt zu schön, um wahr zu sein – und ist es wohl auch nicht. Die angeblichen Notizen sind nicht nur nicht erhalten, sondern haben, so die Herausgeber der BA, vermutlich nie existiert. Doch so ganz aus der Luft gegriffen scheint Schmidts Behauptung, der geplante Roman stütze sich auf einen Traum, nicht zu sein. Mag er den Roman auch nicht ernsthaft geplant haben, den Traum hat er vermutlich tatsächlich gehabt, betritt doch der Ich-Erzähler aus ›Enthymesis‹ im Traum die im ›Achamoth‹-Titel genannte Höllenstadt Weylaghiri (hier: Weilaghiri). Den Titel ›Achamoth‹ hat Schmidt übrigens aus ›Enthymesis‹ geändert.

Schmidt hat den ›Achamoth‹-Titel vermutlich für ›Die Wundertüte‹ entworfen, einer Sammlung fiktiver Briefe, Essays und anderer Texten, die er als zweites Buch nach ›Leviathan‹ plante. Hier wird ›Achamoth‹ dem Rowohlt-Verlag als angeblich neuer Roman angeboten. Was davon zu halten ist, verrät ein Tagebuch-Eintrag Alice Schmidts vom 29. April 1949:

Aber gelacht haben wir: für d. neuen im Wundertütenbrief Ro. offerierten Roman interessierten sie sich sehr. Die nehmen das für ernst! Gut, gut!!
TB 1948/1949, S. 91

Einen Roman ›Achamoth‹ hat Schmidt nie geschrieben, aber seine Titel-Erfindung scheint ihm doch so gut gefallen zu haben, dass er sie 1951 in ›Schwarze Spiegel‹ aufgenommen hat:

Dämmerung : für eine phantastische Erzählung fiel mir ein : kleine geflügelte Giftschlangen, die, zumal im Dunkeln, umherschwirren; schreckliche Folgen (und erfand gleich den ältlichen Titel : […]

Auf die klangvollen Titel ›Achamoth‹ und ›Enthymesis‹ stieß Schmidt eventuell in Jacob Bruckers Abhandlung ›Kurtze Fragen aus der Philosophischen Historie‹ (1733), deren Darstellung des gnostischen Systems der Valentianer der Ich-Erzähler in ›Aus dem Leben eines Fauns‹ ausgiebig zitiert (BA I, 1, S. 330–332, s. BB 16, S. 20):

Enthymesis, als die unzeitige Geburt der Sophia Achamoth genannt, war nunmehro im Schatten, im Nichts, ohne Form, ohne Figur und Licht; daher der obere Christus sich derselben erbarmete, und ihr etwas von seinem Wesen eindrückte, sodann aber wieder von ihr wiche, und sie halb vollkommen und halb unvollkommen hinterließ.

Vgl. dazu auch ›Zettel’s Traum‹ (BA IV, 1, S. 622).

Zuletzt geändert: 29.2.2020