40=Stunden=Wöchner

Die 40-Stunden-Woche wurde erstmals auf dem DGB-Bundeskongress 1952 gefordert, ab 1954 gehörte die Forderung zum Bestand der Mai-Kundgebungen. Die reguläre Arbeitszeit lag bis dahin bei 48 Stunden, ab 1956 galt die 40-Stunden-Woche in der Zigarettenindustrie, in den folgenden rund 30 Jahren wurde sie nach und nach in den verschiedenen Bereichen eingeführt.

Schmidt hielt davon überhaupt nichts. Seine Abneigung formulierte er erstmals in ›Das steinerne Herz‹ (geschrieben 1954/55):

‹40=Stunden=Woche›? : Nee! Die Landbevölkerung nicht reif : die würden lediglich 8 Stunden länger in der Kirche sitzen. »Sollen sie lieber die Schulzeit bis auf 16 verlängern, und die 48 lassen«.

Ähnlich klingt es auch in der Erzählung ›Kühe in Halbtrauer‹ vom Juli 1961:

[…] allein der Einbau des erforderlichen ‹Kamins› hatte, (obwohl vom Dorfmaurer ‹schwarz› durchgeführt : die 40=Stundenwoche ist ja nichts für einen denkenden Menschen; und für einen Nicht=Denkenden muß sie platterdings unerträglich sein!) ein kleines Vermögen gekostet.

Die eigenartige Idee, ein Handwerker würde schwarz arbeiten, weil er sich dank der 40-Stunden-Woche ansonsten unerträglich langweilen würde, wird übrigens von Alice Schmidt während eines Gesprächs von Arno Schmidt mit Gunar Ortlepp im April 1970 wieder aufgegriffen (»Jan Hagel« ist ein veralter Ausdruck für »Pöbel«):

Arno Schmidt Ach ja, ja, ich kann die 40-Stunden-Woche des Jan Hagels also, ich kann das immer nicht hören das Gerede da, von der, da fang ich an rotzusehen,
Gunar Ortlepp Na ja, 40-Stunden-Woche ist natürlich auch was für Privilegierte, für Maurer
Arno Schmidt ganz recht,
Alice Schmidt Und die arbeiten dabei schwarz dann (lacht)

Für Schmidt scheint Arbeit Arbeit zu sein, ganz gleich, ob es sich dabei um Arbeit am Fließband, als Maurer oder am Kunstwerk handelt. Entsprechend setzt er seine Arbeitszeit kurzerhand gleich mit der Arbeitszeit anderer. Bereits im März 1961 legte er dem »Künstler« in ›Eberhard Schlotter: ›Das zweite Programm‹‹ folgende Worte in den Mund:

Ich bin jedenfalls fleißig. Und von 40=Stunden=Woche weiß ich nichts : 100 bis 120; das trifft’s eher.

Der Text wurde zwar erst 1967 veröffentlicht, aber auch in ›Kundisches Geschirr‹ (geschrieben im Mai 1962) heißt es:

Was aber vermutlich auch ganz richtig ist; ich komme immer mehr ‹vom Volke› ab, je älter ich werde. ‹40=Stunden=Woche›, tz! Bei mir liegt das Minimum bei 70, und öfter werden’s über 100.

Seine Abneigung nimmt immer harschere Formen an, die Menschheit wird kurzerhand in fleißig Arbeitsame und den faulen Rest der Jan Hagels geteilt, die ihre Lebens- und damit Arbeitszeit dösig vor dem Fernseher verbringen:

‹1 TAGEWERK NOCH VOR’M FRÜHSTÜCK!› – damit kann man’s weit bringen, ja weiter, als unsere 40=Stunden=Wöchner sich’s, vor’m leichengrünen Fernsehschirm, träumen lassen.

heißt es da in dem im Mai 1962 geschriebenen Essay ›‹Pioneers, oh Pioneers!›‹. Die abschätzige Formulierung vom »40=Stunden=Wöchner« benutzt Schmidt kurz danach (nämlich im August 1962) gleich noch einmal im Essay›»‹Wahrheit› – ?«, seggt Pilatus, un grifflacht .....‹:

Im Westen einen Staat christlich=bornierter notstandsgesetz=süchtiger 40=Stunden=Wöchner : Arbeiten will Keiner, Fernsehen Jeder.

Im Roman ›Die Schule der Atheisten‹ (erschienen 1972) erklärt Senator Kolderup in abendlicher Runde:

Vor’m Erstn WeltUntergang waren die Menschn 40=Stundn=Wöchner gewordn; d’s heißt ›total unterarbeitet‹; (und da streiktn se nòch andauernd; bis ebm sämtliche VolksWirtschaftn kaputt gingn; und die ratlosn Regierungn, wie immer, nichts andres mehr wußtn, als, zur Ablenkung, ’n Krieg anzufangn)

Noch in seinem späten, 1974 ausgestrahlen Rundfunk-Dialog ›Der Vogelhändler von Imst‹ legt Schmidt dem Sprecher B das böse Wort in den Mund:

Das ist ja wohl der milljonenfach=schrecklichste Anblick unserer Tage : 40=Stunden=Wöchner; ins Paradies (nämlich der Freizeit) verstoßen – : und wissen nischt damit anzufangen!

Wirklich bekannt wurden Schmidts Tiraden gegen die 40-Stunden-Woche allerdings erst mit der Verleihung des Goethe-Preises. Seine ›Dankadresse zum GoethePreis 1973‹ ist über weite Strecken ein Loblied auf »die Arbeit«, wobei ein Seitenhieb gegen die 40-Stunden-Woche natürlich nicht fehlen darf. Die Rede wurde am 29. August 1973 in der ›Frankfurter Rundschau‹ abgedruckt und sorgte für erhebliche Empörung (nachzulesen in ÜAS II):

Sei es noch so unzeitgemäß und unpopulär; aber ich weiß, als einzige Panacee, gegen Alles, immer nur ‹Die Arbeit› zu nennen; und was speziell das anbelangt, ist unser ganzes Volk, an der Spitze natürlich die Jugend, mit nichten überarbeitet, vielmehr typisch unterarbeitet : ich kann das Geschwafel von der ‹40=Stunden=Woche› einfach nicht mehr hören : meine Woche hat immer 100 Stunden gehabt; und ‹Zettels Traum› 25.000 erfordert! – es war ein großer Tag, als er fertig war.
BA III, 4, S. 463 f.
Zuletzt geändert: 25.3.2020