Der 10. März 1960

Sonntag, 13. Oktober 2019

In den Vorbemerkungen zu ›Kaff auch Mare Crisium‹ heißt es über das »vorliegende Buch« (BA III, 1, S. [9]):

Wer nach ›Handlung‹ und ›tieferem Sinn‹ schnüffeln, oder gar ein ›Kunstwerk‹ darin zu erblicken versuchen sollte, wird erschossen.

Unterzeichnet sind diese Vorbemerkungen von einem gewissen »D. Martin Ochs« vom »Individuumsschutzamt«, datiert sind sie mit »BARGFELD, den 10. März 1960«.

Diese Vorbemerkungen zitieren Mark Twains einleitende Notiz zum ›Huckleberry Finn‹, hier unterzeichnet ein »G. G.«, Chef der Artillerie, im Auftrag des Autors. Ganz so militärisch geht es bei Schmidt nicht zu, dafür muss der Autor hier niemanden beauftragen, sondern kann kraft seines Amtes die Drohung selbst aussprechen, ist das »Individuumsschutzamt« doch in Bargfeld beheimatet und »D. Martin Ochs« natürlich ein Anagram für »Arno Schmidt«. All das ist in der Forschung seit langem bekannt, bleibt aber noch das Datum (das bei Twain fehlt): Warum ausgerechnet der 10. März 1960? Hier bieten sich, soweit ich sehe, vier mögliche Erklärungen an:

  • Am 10. März 1933 legt Arno Schmidt sein Abiturprüfung ab (Hinweis von Peter Wörz).
  • Am 10. März 1949 erschien ein Vorabdruck des ›Leviathan‹ in der ›Zeit‹ – Schmidts erstes Auftreten als gedruckter Autor.
  • Der 10. März war der Geburtstag von Arno Schmidts Lektor Ernst Krawehl (Hinweis von Winand Herzog).
  • Am 6. März 1960 schickt Schmidt das Manuskript an Ernst Krawehl, am 10. März notiert Schmidt in seinem Tagebuch: »Brieftelegramm Krawehl: ›Kaff erhalten (›bezaubert‹?)« (Das Telegramm selbst ist allerdings vom 9. März, s. ›Postauto‹, s. 143)

Das Abitur-Datum scheint mir eine bloße biographische Koinzidenz, der Vorabdruck klingt etwas plausibler, allerdings war Schmidt entschieden gegen den Vorabdruck. Als Schmidts am 1. April 1949 endlich Belegexemplare bekommen, notiert Alice Schmidt in ihrem Tagebuch:

A. über Vorabdruck so wütend. Er hätte extra gesagt, er wünsche keine Teilabdrücke[!] & dieser so ungeschickt ausgewählt & fehlerhaft & sagt mir gleich B f. Ro an. Ich erkläre ihn für verrückt & bin auch der Ansicht, daß es Reklame macht, wenn vorher der Name des Autors schon in d. Zeitungen erscheint & seiner Werke braucht er sich doch keiner Zeile zu schämen & wären sie auch noch so ungeschickt ausgewählt. Und uns kommts doch so sehr auf die Auflagenzahl an. Doch A knirscht mit den Zähnen, verzerrt das Gesicht, ballt Fäuste, beschuldigt mich der Verräterei; würde Ro helfen & immer gegen ihn sein & da klingts in seiner Stimme fast wie Weinen in rasender Wut & ich bin wirklich in Angst, daß er einen Tobsuchtsanfall kriegt & wende mich still ab.

Ich halte es für eher ausgeschlossen, dass Schmidt mit der Datierung der Vorbemerkung ausgerechnet auf einen Vorgang anspielt, der ihn seinerzeit so sehr in Rage gebracht hat.

Winand Herzog sieht in der Datierung eine verkappte Widmung an Ernst Krawehl, schließlich habe Schmidt mit Krawehl »einen überaus verständigen und hingebungsvollen Leser« gewonnen. Auch diese Begründung des Datum scheint mir nicht stichhaltig. Zwar hat sich Krawehl hingebungsvoll für Schmidt eingesetzt, auch war er ein begeisterter Leser – allerdings sah Schmidt das wohl etwas anderes. Er ärgerte sich ein ums andere Mal über Krawehls Kommentare zu seinen Manuskripten und findet in seinen Tagebüchern und Briefen mitunter heftige Ausdrücke für ihn. Unterm Strich war Krawehl für Schmidt, fürchte ich, einfach nur ein weiterer Verleger, mit dem sich ein Autor nolens volens abfinden muss: »Hol’ der Henker alle Verleger!« (an Hans Wollschläger, 11. Oktober 1960).

Bleibt das vierte Datum, der Tagebucheintrag Arno Schmidts. Da Schmidt das Manuskript bereits am 6. März an Krawehl geschickt hat, funktioniert diese Erklärung natürlich nur, wenn man davon ausgeht, dass Schmidt die Vorbemerkungen erst später hinzugefügt, das Datum nachträglich geändert oder – falls er wie das Vorbild Twain usrprünglich auf ein Datum verzichtet hatte – ergänzt hat. Diese Frage lässt sich aktuell nicht beanworten, hier bleibt man auf Spekulation angewiesen. Dennoch tendiere ich dazu, das Datum an den Empfang des Telegramms zu knüpfen. Dann wäre die Datierung nicht nur keine Widmung, sondern ihr glattes Gegenteil: nämlich der versteckte Hinweis an Krawehl, sich mit Kommentaren und Urteilen zu Schmidts Texten gefälligst zurückzuhalten. So schreibt Schmidt etwa in einem etwas erbosten Brief am 7. April 1960 an Krawehl (›Postauto‹, Nr. 72):

Was speziell Sie anbetrifft, bin ich darüber hinaus sogar der frevelhaften Meinung: daß Sie getrost 1 MS von mir in die Druckerei geben könnten, ohne es überhaupt gelesen zu haben!

Und das ist doch mal eine klare Ansage …