Robert Kraft und Arno Schmidt

Dienstag, 8. Oktober 2019

Am 7. Februar 1959 schrieb Arno Schmidt an Hans Wollschläger:

Ein verrückter Bäckermeister, Jakob Bleymehl aus Neunkirchen an der Saar, hat mir einen wirren Brief geschickt; 30 Seiten, von denen ich, wie billig, nur 1 überflog: angeblich schreibt er jedes Jahr an den May-Verlag, und plädiert für einen Neudruck des Robert Kraft, der ihm seit 36 Jahren seine nächtlichen Backstunden entscheidend verkürzt habe […].

Jakob Bleymehl (1908-1975) war nicht nur Bäckermeister, sondern auch emsiger Sammler utopisch-phantastischer Literatur, dessen ›Beiträge zur Geschichte und Bibliographie der utopischen und phantastischen Literatur‹ (1965) die erste umfangreiche bibliographische Arbeit zu diesem Thema ist. Seinem Brief legte Bleymehl eine umfangreiche Liste mit

›Bemerkungen über vergessene und verschollene, verbotene und unterdrückte, totgeschwiegene und mißverstandene Autoren und Bücher‹

bei. Auch hier handelt es sich um eine Bibliographie, ergänzt um einige Anmerkungen und Kommentare. (Schmidt übertreibt übrigens beim Umfang der Sendung, Brief und Beilage umfassen 4 + 12 A4-Seiten.)

Beides ist nun abgedruckt in:

›Wenn ich König wäre! Robert Kraft zum 150. Geburtstag. 3. Robert Kraft-Symposium, 12.–13.10.2019‹, hrsg. v. Thomas Braatz, Edition Braatz & Meyerhofer, Leipzig 2019, S. 24-51.

Schmidt hat auf Bleymehls Brief nie geantwortet, aber Spuren hinterlassen hat er dann doch. Nämlich, wie Ludwig Stimpfle entdeckt hat, in ›Zettel’s Traum‹, wo es auf S. 191 heißt:

(& alles in BLEYMEHL’s ›Antares‹: rührendes Unternehm; (da ebmso kurios wie unzulänglich …))

›Antares‹ war der Titel einer Reihe, in der Bleymehl von 1964 bis 1967 im Selbstverlag und mit winziger Auflage 30 Bände mit phantastischer Literatur in hektographierter Form veröffentlichte. Wie Schmidt von dieser doch eher obskuren Reihe erfahren hat, muss wohl vorerst ungeklärt bleiben. Ein weiterer Brief Bleymehls an Schmidt ist nicht nachweisbar und lt. BVZ besaß Schmidt auch keinen Band der Reihe.

Dank eBA findet sich rasch noch eine zweite Anspielung auf Bleymehl und seine Bemühungen, ebenfalls in ›Zettel’s Traum‹, wo auf S. 813 die Formulierung »utopisch=bleymehlig« auftaucht.

Für Bleymehl war Robert Kraft ein sehr wichtiger Autor, den er Schmidt auch dringend empfahl. Im erwähnten Symposiums-Band – in dem sich auch Hans Wollschlägers Robert-Kraft-Bibliographie findet, die er am 6. Juli 1960 an Schmidt schickte – wird gelegentlich der Anschein erweckt, sowohl Schmidt als auch Wollschläger wären an Kraft lebhaft interessiert gewesen. Das ist nicht ganz richtig.

Wohl hatte Wollschläger ein Faible für diesen Autor und plante neben der historisch-kritischen Karl-May- wohl auch eine entsprechende Robert-Kraft-Ausgabe. Schmidt ist dagegen sehr viel reservierter und bleibt in Sachen Kraft »mißtrauisch« (Brief vom 3. Mai 1959). Am 20. Juni 1959 schreibt er an Wollschläger:

Gestern sah ich in Hannover ein Exemplar von KRAFT, ›DIE VESTALINNEN‹; 5 Leinenbände, gut erhalten; jeder von 850–1050 Seiten; Preis 25.– Mark. Ich habe es mir für ein paar Tage zurückstellen lassen, und möchte es Ihnen doch mitteilen: wollen Sie es etwa haben? Oder besitzen Sie’s und empfehlen es mir aber?

In seiner Antwort vom 23. Juni berichtet Wollschläger einige Daten und Fakten zu den Romanen, kommt aber zu dem Schluss, er könne Schmidt »die VESTALINNEN kaum empfehlen« (er selbst bestellte die Bände allerdings am gleichen Tag).

Damit scheint das Thema »Robert Kraft« für Schmidt erledigt gewesen zu sein. Als Wollschläger ihm später – am 6. Juli 1960 – voller Begeisterung von seinem Plan berichtet, ein Nachprogramm zu Robert Kraft zu schreiben und dazu anmerkt, es werde »wohl über weite Strecken ein Lobgesang werden« runzelt Schmidt in seiner Antwort vom 7. August deutlich die Stirn:

Was übrigens Ihre Absicht betrifft, das »Hohelied aufs Volksschriftgestell« zu singen, so würde ich Ihnen für solche Leibesübung außerhalb des Kämmerleins mezza voce empfehlen – vorausgesetzt, daß Sie an Veröffentlichung sive Barg(f)eld interessiert sind […].

In Schmidts Bibliothek findet sich von Kraft daher auch nur dessen kurze Autobiographie (BVZ 407), die Wollschläger im Feburar 1959 an Schmidt schickte, und die dieser lt. Tagebuch am 24. Februar las.

Es gibt allerdings eine Werk Robert Krafts, dem Schmidt recht intensiv (und vergeblich) nachspürte:

Über Robert Kraft sprechen wir – wenn uns, anläßlich Ihres Besuches, noch Zeit dafür bleibt – des näheren. (Ich erzählte Ihnen, glaub’ich, bereits, daß 1 Erinnerung an seinen ›Nobody‹ in meine allerfrüheste Kindheit zurückreicht: mein Vater, dank eines besonders witzigen Aperçu des Schicksals Polizeioberwachtmeister, hatte 5 (?) dunkelrot gebundene, illustrierte, Mammutbände aus der, sinnig zusammengestellten, ›Bibliothek hamburger Polizeibeamter‹ mit heim gebracht; und las uns Das-Alles vor

Den frühen ›Nobody‹-Eindruck erwähnt Schmidt auch in ›Der Ritter vom Geiste‹ (BA II, 3, S. 190), hier wird er aber nicht vor- sondern natürlich selbst gelesen:

A.: […] ob der frühe Karl May, oder Robert Kraft, dessen 5.500 Seiten langer ‹Detective Nobody› noch mich Fünfjährigen entzückt hat ...
B. (neugierig einfallend): ... Fünfjährigen?
A.: Ja; ich hab’ mit zweieinhalb lesen gelernt.

Schmidt hat im Laufe der Jahre zwar mehrfach (vergeblich) versucht, den ›Nobody‹ wieder in die Finger zu bekommen, aber mit Robert Kraft hatte er ansonsten wohl nichts am Hut.