Stanley Ellin, ›Sanfter Schrecken‹

Samstag, 23. März 2019

Bereits zur Leipziger Buchmesse ist die erst für April angekündigte Neuausgabe von Stanley Ellins ›Sanfter Schrecken‹ in der Übersetzung von Arno Schmidt erschienen. Der Band passt sich im Erscheinungsbild der Neuausgabe der Schmidtschen Übersetzung von Faulkners ›New Orleans‹ an (Bargfeld, Berlin 2017) und ist wie diese ein hübsches, handliches Bändchen. Als Zugabe gibt es Schmidts Selbstrezension ›Die 10 Kammern des Blaubart‹. Das kurze Nachwort von Bernd Rauschenbach zeichnet die Chronologie der Übersetzungen in Briefzitaten und knappen Zusammenfassungen nach. Hier erfährt man dann auch, dass Schmidt mit Titel und Untertitel des Bandes nicht einverstanden war. So schreibt Schmidt am 27. Juli 1961 an den Cheflektor des Goverts Verlags Hans Dieter Müller:

Meinen Sie nicht, daß – wo eine »Schauerserie« nun einmal auch die Spezialität des Hauses Goverts werden soll – DIE SPEZIALITÄT DES HAUSES (ohne Untertitel) wesentlich sachlicher & energischer klänge (überhaupt für das Büchlein viel passender wäre!) als vor allem auch noch dieses nein=wie=neckische ›ruchlos‹? / Je nun; wir haben darüber ›offiziell‹ nichts ausgemacht, und Sie können, in letzter Instanz, den Titel natürlich verleihen, wie Sie wollen – ich möchte meine Bedenken ja auch nur zu Protokoll gegeben haben.

Die zehn Geschichten sind wohl hinlänglich bekannt. Als Jugendlicher hab ich sie mit einiger Begeisterung gelesen, bei der erneuten Lektüre hielt sich mein Vergnügen allerdings in recht überschaubaren Grenzen, und ich bin geneigt, dem Urteil Hans Wollschlägers zuzustimmen, der am 22. Oktober 1961 an Arno Schmidt schrieb:

also die Ellin-Geschichtchen sind ja recht amüsabel – (zur Nachtzeit – so in halbem Vorschlaf schon – und mit einer Prise Müdigkeit –): nur denke ich mir, daß der Mann zu der präzisen Ironie Ihres Stils wie der Blinde zur Ohrfeige gekommen ist – : jedenfalls steckt darin jetzt mehr ›Feinbau‹ als in der verhältnismäßig groben Organisation der Handlung […]
Briefe IV, Nr. 160

Erstmals bringt der Band die Übersetzungen in der Fassung, die Schmidt haben wollte. So heißt es im Nachwort:

In der vorliegenden Neuausgabe der Übersetzung wurden diese Lektorats-Eingriffe rückgängig gemacht unter Zuhilfenahme der Rohübersetzung, der Reinschrift, des Durchschlags der Reinschrift und der Korrekturfahnen, die sich sämtlich im Nachlaß Arno Schmidts erhalten haben.

Die Lektorats-Eingriffe betreffen vor allem die Interpunktion und die Schreibung der Zahlwörter, die seinerzeit dudenkonform normiert wurde und nun so da stehen, wie Schmidt es haben wollte. Ob es weitere Abweichungen gibt, kann ich nicht ermitteln, ich habe von der ursprünglichen Goverts-Fassung nur eine unzuverlässige Taschenbuchausgabe mit einer Auswahl (Scherz, Bern und München 1988).