Copie Nr. 2

In ›Kaff auch Mare Crisium‹ macht Karl Richter eine erstaunliche Entdeckung:

[…] hier, mitten im Erstdruck des SILBERLöWEN, lag ebbes Handgeschriebenes – ‹Copie Nr. 2 / für Herrn / Heinrich Andreas Näwy / Dresden / Johannstädter Ufer 2, III› – rund 90 Seiten?

Bei diesem Schriftstück, aus dem im Roman dann einiges zitiert wird, handelt es sich um Karl Mays ›Frau Pollmer, eine psychologische Studie‹ die vom Karl-May-Verlag lange Zeit unter Verschluss gehalten und erst 1983 veröffentlicht wurde.

Schmidt bekam das Dokument von Hans Wollschläger zugespielt, der ihm am 23. Juli 1959 eine insgeheim von Hansotto Hatzig angefertigte Abschrift schickte. Schmidt war begeistert und schrieb am 27. Juli 1959 an Hans Wollschläger:

Wobei wir ja gleich bei Ihrer kostbaren ›Anlage‹ wären : dies ist wahrlich ›Condry la Sorziere‹! […] Das Ding muß, früher oder später, (möglichst aber früher), in den Druck!
BA Briefe IV, S. 169

Wollschläger war von den Zitaten aus der Studie in ›Kaff‹ nicht erfreut, hatte er doch ähnliches für seinen Roman ›Der Fall Adams‹ geplant. Nach der Lektüre schreibt er am 16. Januar 1961 an Schmidt:

Daß Sie die STUDIE sowie HAUSSCHÄTZE etc mit hereinnahmen, ist mir einige Striche wert – (ich ließ das gleiche, wie ich wohl gelegentlich andeutete, im Sparstrumpf meiner ›Frau Wirtin‹ auffinden – und als Faden durchlaufen – : […]).
BA Briefe IV, S. 300

In seiner Antwort vom 18. Januar beruhigt Schmidt Wollschläger und erläutert auch gleich, warum er die Studie in ›Kaff‹ zitiert. Bei dem hier als Eideshelfer angeführten »Leib-Juristen« handelt es sich übrigens nicht um eine Erfindung Schmidts, sondern um den Hamburger Juristen Horst C. Harries, mit dem Schmidt in brieflichem Kontakt stand und den er während der Arbeit an ›Kaff‹ um urheberrechtlichen Rat im Umgang mit der Studie bat:

Zu MAY und KAFF gleich noch dieses: au contraire! Ich bitte Sie ausdrücklich, die STUDIE genau in der Art zu erwähnen, wie ich es getan habe! / Ich habe mich nämlich, lange & intensiv, mit meinem Leib-Juristen besprochen; und Der sagte mir, es gäbe nur 1 Weg, das Material zu ›sichern‹; nämlich – und hier setzt KAFF ein –: Kleinst-Zitate, etwa ein halbes Dutzend, in möglichst 100 Büchern .....: dadurch ist das Dinx ooch in Druck gegeben ! […] es handelte sich darum, der Welt & ›dem Verlag‹ eindeutig darzutun, daß ›das Stück‹ nicht mehr ›untergehen gemacht‹ werden kann ! : Es ist auch noch in ›anderen Händen‹!
BA Briefe IV, S. 302

Entsprechend seiner Maxime, dem KMV zu verstehen zu geben, dass die Studie nicht geheim gehalten werden könne, hat Schmidt in späteren Texten zu Karl May immer wieder auf die ›Copie Nr. 2‹ angespielt, am häufigsten natürlich in ›Sitara und der Weg dorthin‹.

Der Titel ›Copie Nr. 2‹, den Schmidt seiner Abschrift gab, verdankt sich einer konsequenten und mit einigem Aufwand inszenierten Mystifikation Schmidts, die er selbst Wollschläger gegenüber aufrecht erhielt. So berichtet Schmidt in einem Brief vom 23. Oktober 1959 – während der Arbeit an ›Kaff‹ – an Wollschläger, von einem angeblichen Leserbrief aus der DDR:

wo Jemand meinen May-Essay aus der DYA NA SORE gelesen hatte, und mir nun mitteilt, daß sich im Nachlaß des Vaters einiges an Schriftstücken befindet, was sich mit May befaßt. […] Ein einziges ›längeres Aktenstück‹ soll mit der Angabe beginnen, daß es in Hohenstein-Ernstthal ›in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts einen Ackerbürger namens Steger‹ gegeben habe.
BA Briefe IV, S. 201

Damit zitiert Schmidt den Anfang von Mays ›Studie‹ und bereitet so den Boden vor, auf dem er seine Mystifikation errichtet. Am 22. Januar 1960 teilt er Wollschläger mit, dass er sich die angebliche Akte habe schicken lassen:

Das Stück war auf dem zeit-üblichen festen Aktenpapier jener Jahre, mit der ebenso üblichen, völlig charakterlosen Rundhandschrift geschrieben. […] Fehlendes habe ich mir aus der Hatzig’schen Kopie ergänzt; kann Ihnen jetzt also Ihr Exemplar mit Dank zurückreichen.
BA Briefe IV, S. 220

Zusätzlich gibt Schmidt an, er habe sich das angebliche Aktenstück abgeschrieben und erfindet auch gleich ein Stemma für Mays Original und die verschiedenen Abschriften. Als Wollschläger zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal nachfragt, lässt sich Schmidt eine neue Ausrede einfallen (Brief an Wollschläger vom 15. April 1964):

Ich habe also keinerlei Handveste von jener Dame; wohl aber habe ich damals getreulich das Paket erhalten; neben vielem sinnlosen Tand auch jene ›Copie‹ darin gefunden (sie hatte erwähnt, daß der Name MAY dort häufig auftauche), und sie mir abgeschrieben. Die – nuja: ›Original-Abschrift‹ mußte ich wieder via Pirna zurückgeben.
BA Briefe IV, S. 661

Übrigens: Wie aus Wollschlägers Antworten hervorgeht, hat er Schmidts Erfindung anscheinend wohl geglaubt (vgl. BA Briefe IV, S. 209 u. 222).

Zuletzt geändert: 8.3.2020