Joachim Kersten und Bernd Rauschenbach lesen gelegentlich aus dem Briefwechsel Schmidt / Wollschläger. Zu dieser Lesung steuere ich eine Einleitung bei, die hier dokumentiert ist.

Einleitung zur Lesung aus dem Briefwechsel Schmidt / Wollschläger

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Der Briefwechsel zwischen Arno Schmidt und Hans Wollschläger beginnt im September 1957 und reicht bis ins Jahr 1972. Er umfasst rund 380 Briefe, die im Druck knapp 800 großformatige Seiten füllen. Bevor Joachim Kersten und Bernd Rauschenbach aus diesem umfangreichen Briefwechsel lesen, möchte ich Ihnen kurz die Briefpartner vorstellen und Ihnen einen knappen Überblick über die Vorgeschichte des Briefwechsels, seine Themen und seinen Verlauf geben.

Zuvor jedoch ein paar Worte zur Edition selbst. Der Band bietet die vollständigen Briefwechsel zwischen Arno Schmidt und Hans Wollschläger, zwischen Hans Wollschläger und Alice Schmidt und zwischen Arno Schmidt und dem Karl-May-Verlag. Zusätzlich gibt es Auszüge aus anderen Briefwechseln, in denen Arno Schmidt sich für Hans Wollschläger eingesetzt hat. Im Anhang finden sich verschiedene Dokumente, darunter die Protokolle Arno Schmidts zu Besuchen Hans Wollschlägers, Notizen Wollschlägers zu Arno Schmidt und einige knappe Erläuterungen zu Romanen Karl Mays, über die Schmidt und Wollschläger intensiv diskutieren.

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Hans Wollschläger wurde 1935 in Minden in Westfalen geboren, studierte Kirchenmusik in Detmold, war von 1957 bis 1970 freier Mitarbeiter beim Karl-May-Verlag in Bamberg und lebte als freier Schriftsteller, Übersetzer und Essayist überwiegend ebendort. In den 70er-Jahren machte er sich als Kirchenkritiker und Chronist der Kreuzzüge einen Namen, einem breiteren Publikum wurde er 1975 durch seine Übersetzung des Ulysses von James Joyce bekannt.

In seinen Anfangsjahren schwankte Wollschläger zwischen Musik und Literatur – in einem seiner ersten Briefe an Schmidt stellt er sich noch als »Komponist und Dirigent« vor –, gab seine kompositorischen Versuche jedoch Anfang der 60er Jahre auf. Er konzentrierte sich – durchaus unter Einfluss Arno Schmidts – aufs Schreiben, ohne allerdings die Musik zu vernachlässigen. So war er einige Jahre für die Internationale Gustav Mahler Gesellschaft tätig und beschäftigte sich zeitlebens intensiv vor allem mit Gustav Mahler und Johann Sebastian Bach.

Auf Vermittlung Arno Schmidts beginnt er mit kleinen Rezensionen und ersten Übersetzungen. Sein erstes, ebenfalls von Arno Schmidt angeregtes und gefördertes Buch ist die gut 150-seitige Karl-May-Biographie, die 1965 im Rahmen der rororo-Monographien erschien. Seit ungefähr seinem 20. Lebensjahr arbeitete Wollschläger an einem groß angelegten Roman, der zu seinem Lebenswerk werden sollte. Der Roman trug zuerst den Titel ›Variationen‹ (von dem Schmidt abrät), dann ›Der Fall Adam‹ bzw. ›Der Fall Adams‹ und schließlich ›Herzgewächse oder Der Fall Adams‹. Wollschläger hat den Roman im Laufe der Jahre mehrfach umgearbeitet, und erst 1982, drei Jahre nach Schmidts Tod, erschien der erste Teil. Die Überarbeitung von Teil zwei hat Wollschläger nie beendet, der Roman blieb Fragment. Ein geplanter zweiter Roman ›Nacht-Stücke‹ kam über einige wenige Seiten und Skizzen nicht hinaus. 1982 erhielt er als erster Preisträger den Arno Schmidt Preis. Seine aus diesem Anlass geschriebene Rede ›Die Insel und einige andere Metaphern für Arno Schmidt‹ ist bis heute einer der wichtigsten Texte zu Arno Schmidt. 1983 wurde er Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, 1987 erschien mit ›»Tiere sehen dich an« oder Das Potential Mengele‹ sein wortgewaltiges Pamphlet gegen Tierversuche. Hans Wollschläger starb 2007 in Bamberg.

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Der Briefwechsel zwischen Schmidt und Wollschläger setzt im September 1957 ein. Da war Arno Schmidt 43 Jahre und damit fast doppelt so alt wie Hans Wollschläger und als Schriftsteller und Übersetzer, wie man so sagt, etabliert. Er hatte zeitlebens einen kleinen, aber festen Leserkreis und Bewunderer, gehörte aber nie zum literarischen Betrieb, sondern blieb eine sehr eigenwillige, sehr eigenständige Randerscheinung (was mehr über den Betrieb als über Schmidt aussagt). 1964 erhielt er den Fontane-, 1973 den Goethe-Preis.

Von seinen Büchern konnte er, natürlich, nicht leben. Finanziell hielt er sich mit Übersetzungen und vor allem mit unzähligen Arbeiten für Zeitungen, Zeitschriften und dem Rundfunk über Wasser. 1958 ziehen Arno und Alice Schmidt nach Bargfeld, einem Dorf im Kreis Celle, das er bis zu seinem Tod 1979 kaum noch verlässt. Hier entstehen Werke wie ›Kaff auch Mare Crisium‹, ›Kühe in Halbtrauer‹, die Karl-May-Studie ›Sitara und der Weg dorthin‹, der monströse Roman ›Zettel’s Traum‹ und das letzte vollendete Werk ›Abend mit Goldrand‹.

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Ein zentrales Thema für Schmidt war Karl Mays Leben und Werk. 1956 brachte der SDR mit dem einstündigen Rundfunkdialog ›Vom neuen Großmystiker‹ Schmidts erste umfangreiche Arbeit zu Karl May. Hier setzt sich Schmidt intensiv für das Spätwerk Karl Mays ein und geht mit der Bearbeitungspraxis des Karl-May-Verlags – der sich erhebliche Eingriffe in die Texte erlaubte – hart ins Gericht. Über diesen Rundfunkdialog gerieten Arno Schmidt und der Karl-May-Verlag heftig aneinander. Im rasch eskalierenden Briefwechsel zwischen Verlag und Schmidt, drohte der Verlag gar wegen Beleidigung mit juristischen Schritten und zwang Schmidt zu einem, wie Hans Wollschläger es später formulierte, »demütigenden Entschuldigungs- und Rücknahmebrief«.

Man kann sich daher gut vorstellen, dass man in Bamberg nicht gerade erfreut war, als am 10. August 1957 in der ›FAZ‹ ein Artikel Schmidts erschien, der in die gleiche Kerbe schlug wie der Rundfunkdialog. Diesmal vermied man allerdings den direkten Kontakt zum Autor und schickte Hans Wollschläger vor, der seit kurzem freier Mitarbeiter des Verlags war. Wollschläger schrieb einen verlagstreuen Leserbrief an die ›FAZ‹, den diese an Schmidt weiterleitete. Schmidt reagierte prompt und antwortete Wollschläger mit einem längeren Brief. Bis zum Ende des Jahres 1957 wechseln die beiden umfangreiche Briefe, in denen sie Detailfragen zu Mays Spätwerk und den Bearbeitungen durch den Karl-May-Verlag diskutieren. Der Tonfall ist freundlich, aber förmlich, das Thema »Karl May« wird nicht verlassen und Wollschläger wird von Schmidt nur als Vertreter des Karl-May-Verlags wahrgenommen.

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In der Anfangszeit des Briefwechsels sind Wollschlägers Briefe für Schmidt wertvolle Quellen zu Karl May, die er mit Unterstreichungen und Exzerpten penibel durcharbeitet. Einen Brief Wollschlägers, in dem dieser Privates und May-Relevantes mischt, zerschneidet Schmidt und klebt ihn neu zusammen, sodass alle May-Passagen auf einer Seite stehen.

Diese Konzentration auf das alleinige Thema Karl May zeigt sich auch in den Protokollen, die Schmidt zu den verschiedenen Besuchen Wollschlägers anlegt (erstmals besucht Wollschläger Schmidt 1958 in Darmstadt, in den folgenden Jahren ist er regelmäßig zu Gast in Bargfeld). In diesen Protokollen notiert Schmidt fast ausschließlich Daten & Fakten zu Karl May; andere Themen, über die sich Schmidt und Wollschläger bei Ihren Treffen natürlich ebenfalls unterhalten haben, tauchen nur, wenn überhaupt, als kurze Randnotiz auf.

Hans Wollschläger versucht früh, diesen Arbeitscharakter des Briefwechsels vorsichtig aufzulösen und schlägt schon in seinem dritten Brief an Schmidt vom 23.9.1957 ein persönliches Treffen vor. Schmidt ist nicht abgeneigt, das Treffen scheitert aber aus Termingründen. Am 7.2.1958 schreibt Wollschläger erstmals einen gänzlich May-freien Brief, in dem er Schmidts kurz zuvor erschienenen Roman ›Die Gelehrtenrepublik‹ überschwänglich lobt.

Darauf reagiert dieser nun allerdings nicht so, wie Wollschläger es sich wohl erhoffte. Schmidt bedankt sich nur kurz für den »freundlichen Zuspruch hinsichtlich der ›Gelehrtenrepublik‹!«, um gleich darauf wieder eine Frage zum »Spezialthema« Karl May zu stellen, die Wollschläger geflissentlich und ausführlich beantwortet, ohne einen erneuten Versuch zu unternehmen, das Themenfeld des Briefwechsels zu erweitern.

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Das sollte sich allerdings nach Wollschlägers ersten Besuchen bei Schmidt im Juli und September 1958 ändern. Im direkten Gespräch mit Schmidt macht Wollschläger seinem Herzen Luft, teilt pikanteste Details aus dem Verlag mit und skizziert seine künstlerischen Ambitionen.

Schmidt sieht in Wollschläger jetzt nicht mehr nur eine nützliche Verbindung zum Karl-May-Verlag, sondern einen Mitstreiter in seinem Kampf gegen den Verlag und dessen Bearbeitungspraxis. Und nicht nur das. Schmidt beginnt, Wollschläger als jungen Kollegen zu begreifen, den es zu fördern gilt.

Der Tonfall des Briefwechsels ändert sich. Als Wollschläger in einem langen Brief vehement und wütend über den Karl-May-Verlag schimpft, wechselt Schmidt erstmals die Anrede. Aus dem förmlichen »Sehr geehrter Herr Wollschläger« wird am 29.12.1958 erstmals ein »Lieber Herr Wollschläger« – und dieser Wechsel ist für Schmidt keine Kleinigkeit.

Schmidts Briefe werden mitunter zu literarischen Kabinettstückchen, Wollschläger wird sicherer, seine anfangs nachgerade devote Haltung weicht wachsendem Selbstbewusstsein, die offizielle Steifheit der Anfangszeit einer immer souveräner werdenden, freieren und mitunter spielerischen Sprache, die sich in der Schilderung skurriler Vorfälle im oder in wütenden Polemiken gegen den Karl-May-Verlag übt. Er erzählt immer häufiger private Details und erläutert seine mitunter hochfliegenden Pläne. Neben der Arbeit an seinem Roman plante er eine umfangreiche Karl-May-Biographie, eine nicht minder umfangreiche Analyse von Gustav Mahlers 9. Sinfonie – er spricht hier einmal von einem 1000-Seiten-Band –, verschiedene Rundfunk-Essays und (sehr vieles) mehr.

Es entwickelt sich ein Lehrer/Schüler-Verhältnis, in dem Schmidt seine Rolle als Lehrer sehr ernst nimmt und mit viel Empathie für den jüngeren Kollegen ausfüllt. Schmidt gibt als erfahrener Autor immer wieder Tipps aus der Schreibpraxis, vermittelt Kontakte zu Verlagen, informiert über Honorarsätze, berät Wollschläger bei seinen Verlagsverhandlungen, lobt – und tadelt – Wollschlägers Arbeiten, bremst Wollschlägers Überschwang gelegentlich auch aus und setzt sich auf vielfältige Weise für ihn ein. Obendrein spendet Schmidt dem jungen Kollegen immer wieder Trost & Rat, wenn dieser von den Zumutungen des literarischen Betriebs frustriert ist – und das ist er sehr oft. Es gibt wohl keinen anderen jüngeren Autor, für den sich Schmidt so intensiv und so warmherzig eingesetzt hat wie für Hans Wollschläger.

Vor allem aber rät Schmidt immer wieder, nicht zu viel Zeit in ein einziges Werk zu investieren. Bereits 1959 lernt Schmidt Auszüge aus Wollschlägers Roman kennen und drängt auf Fertigstellung. Wollschläger zögert, ändert die Konzeption und überarbeitet immer wieder sein Manuskript. Erst zum Jahreswechsel 1961/1962 schließt er die Arbeit ab. Schmidt empfahl den Roman mehrfach – erfolglos – verschiedenen Verlagen. Die regelmäßige Ablehnung seines Romans traf Wollschläger schwer.

Das Urteil des Rowohlt-Lektors Fritz J. Raddatz, der den Roman als Werk eines Schmidt-Epigonen abtat, löste bei Wollschläger eine regelrechte Krise und eine besorgte Nachfrage bei Arno Schmidt aus

Sie haben im Zusammenhang mit meinem Manuskript schon soviel für mich getan, daß es auch an Ihnen wäre, mir – wenn’s nötig ist – den Star zu stechen – : Sie sind der Einzige, von dem ich’s vertrüge: Rücksichten wären falsch, Offenheit erwünscht, Klarstellung schlicht notwendig: die Wahrheit über Fast-alles: – bitte sprechen Sie also :: Hat Er Recht?

Schmidts Antwort auf diese dringliche Bitte um »Wahrheit« werden Sie gleich hören.

Schmidt hatte nicht wenig damit zu tun, den jungen Kollegen immer wieder aufzubauen und zu ermuntern, »die Flinte in keine der bekannten Korn-Arten« zu werfen, »vor allem nicht in den Doppelkorn«. Er schlägt immer wieder mögliche Bücher vor und rät, statt sich mit schwer zu realisierenden, monumentalen Großprojekten zu verzetteln, sich auf das überschaubar Machbare zu konzentrieren und kontinuierlich weiter zu arbeiten. Als Wollschläger während der Arbeit an seiner May-Monographie für den Rowohlt-Verlag wegen Unstimmigkeiten mit dem Herausgeber Kurt Kusenberg frustriert abbrechen will, beschwört er ihn:

Lassen Sie die Mono auf keinen Fall an Änderungswünschen Kusenberg’s scheitern! Geben Sie, mit einigen Maaßen, nach: Sie müssen bald einmal mit etwas eigenem herauskommen.

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Seit Mitte 1962 versuchte der Goverts-Verlag, Schmidt zu einer Neu-Übersetzung des Gesamtwerks von Edgar Allan Poe zu überreden. Schmidt lehnt erst ab, lässt sich dann aber darauf ein, einige ausgewählte Werke Poes zu übernehmen und schlägt für die übrigen Texte als Übersetzer Hans Wollschläger vor. Die Verhandlungen ziehen sich einige Zeit hin, erst ab Anfang 1964 beginnt die gemeinsame Arbeit an der Gesamtausgabe. In den folgenden Jahren dreht sich der Briefwechsel überwiegend um Fragen zu dieser Übersetzung und zur Konzeption der Ausgabe.

Wollschläger reagiert auf Kritik von Schmidt ausgesprochen sensibel. Als Schmidt einmal eine Poe-Übersetzung Wollschlägers kritisch kommentiert, hat er anschließend alle Hände voll zu tun, den zutiefst geknickten Übersetzer wieder aufzurichten:

Das hatt’ich mir schon gedacht, daß Sie bei Ihrer (= unsrer) Sensibilität – von der wir ja aber andrerseits buchstäblich ›leben‹: ergo hat sie auch ihre Meriten – etwas niedergeschlagen sein würden; aber daß Ihnen nun gleich direkt ein Aufgeben durch die Maschine ginge, dergleichen war ich mir nicht erwartend.

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Für die Entwicklung Hans Wollschlägers war der Briefwechsel und die persönliche Bekanntschaft mit Schmidt von kaum zu überschätzender Bedeutung. Immer wieder bedankt er sich wortreich bei Schmidt für seine Unterstützung und Ratschläge. Ohne ihn, so schreibt Wollschläger etwa im Februar 1963 an Schmidt, wäre er »ein pures Nichts geblieben […] –, wenigstens auf längere-lange Zeit hin«.

Im Verlauf des Briefwechsels entwickelt sich Wollschläger vom unsicheren Adepten, der seine Unsicherheit immer wieder mit arrogant wirkenden Posen, großen Gesten und markigen Formulierungen kaschiert, zum selbstbewussten Autor, dem seine Abhängigkeit von Schmidt zunehmend auch als Hindernis bewusst wird. Hatte Wollschläger zu Beginn noch jede kleinste Neuerung nach Bargfeld gemeldet, informiert er Schmidt in späteren Briefen nur noch summarisch über seine wachsende Tätigkeit als Übersetzer, Vortragender und Essayist. Sein Buch ›Die bewaffneten Wallfahrten gen Jerusalem‹ erwähnt er etwa nur noch nebenbei: »Zwischendurch jetzt noch ein kleines Buch […] über die Kreuzzüge«.

Für Schmidt war der Kontakt zu Wollschläger ein Glücksfall: Wollschläger saß nicht nur im Zentrum des Karl-May-Verlags und hatte Zugriff auf Manuskripte und den Archiv-Bestand. Er war – frustriert vom Verlag und dessen Umgang mit Mays Werk – zudem nur allzu gern bereit, Schmidt mit Material von und über Karl May zu versorgen.

Zu Beginn schickt er Schmidt gelegentlich ein paar Bände aus dem Verlagsprogramm oder schreibt unveröffentlichte Briefe Karl Mays an dessen Verleger Fehsenfeld ab. Doch je unzufriedener Wollschläger mit seiner Situation im Verlag wird, desto umfangreicher werden die Sendungen, desto unbefangener plaudert Wollschläger Interna aus und desto deutlicher und unverblümter wird seine Kritik am Verlag. Wollschläger schickt rare Erstdrucke aus den Archivbeständen, fotografiert in mühevollster Handarbeit ganze Manuskriptberge, versorgt Schmidt mit allerlei Klatsch & Tratsch aus dem Verlag und verschafft ihm schon früh – 1959 – eine Abschrift von Mays Abrechnung mit seiner ersten Frau Emma Pollmer, die der Karl-May-Verlag lange Jahre im Giftschrank verwahrte und erst 1982 veröffentlichte.

Während Wollschläger immer wieder freimütig aus seinem Leben erzählt, ist Schmidt hier deutlich zurückhaltender. Privates teilt er praktisch nie mit, und auch über seine literarischen Pläne und Absichten schweigt er sich aus. Er erwähnt lediglich die Arbeit an Übersetzungen oder Aufträge für verschiedene Zeitschriften und Rundfunksender, weist kurz auf Neuerscheinungen hin oder schickt mitunter kommentarlos Belegexemplare neuer Bücher und Artikel. Eine Ausnahme bilden hier Schmidts Texte zu Karl May, die er Wollschläger mit der Bitte um eventuelle Korrekturen zu lesen gab. Das gilt insbesondere für die große May-Studie ›Sitara und der Weg dorthin‹, deren Vorarbeiten er zur Begutachtung an Wollschläger schickt und zu deren Thesen Wollschläger und Schmidt Belegstellen aus Mays Werk sammeln und diskutieren.

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Von September 1957 bis Mai 1965 – also in knapp acht Jahren – schreiben sich Wollschläger und Schmidt rund 340 Briefe, in den folgenden sieben Jahren sind es nur noch knapp 40. Der Briefwechsel flaut nicht nur ab – er bricht praktisch in sich zusammen.

Einziger Anknüpfungspunkt ist ab Mitte der 60er-Jahre die Arbeit an der Poe-Übersetzung, aber auch diese Gemeinsamkeit verblasst nach wenigen Monaten. In seinen Briefen wird Schmidt immer einsilbiger, begnügt sich am Ende gar mit nichtssagenden »Dank & Gruß«-Karten, Wollschlägers Briefe werden nachgerade hilflos und erzählen mit spürbarer Lustlosigkeit von seiner Arbeit und seinem Alltag. Beide finden nicht mehr zum früheren Einverständnis und ungezwungenen Tonfall zurück (woran Schmidt, sehr im Gegensatz zu Wollschläger, auch kein erkennbares Interesse zeigt).

Über die Gründe für die Entfremdung zwischen Schmidt und Wollschläger kann man nur spekulieren. Da ist zum einen Schmidts mehrjährige Arbeit an ›Zettel’s Traum‹ – erstmals erwähnt er sein »Buch über Poe« in einem Brief an Wollschläger vom 26.6.1964, abgeschlossen wird der Roman zum Jahreswechsel 1968/1969 – die ihn zunehmend absorbiert und unempfänglich werden lässt, für alles, was nicht diesen Roman betrifft.

Da ist zum anderen Wollschlägers Entwicklung, der etwa ab Mitte der 60er-Jahre so weit etabliert war, dass er als freier Übersetzer und Essayist inzwischen auf eigenen Füßen stehen konnte, und der sich bemühte, die frühere Abhängigkeit von Schmidt zu überwinden. Dass es ihm nicht gelang, das frühere Lehrer/Schüler-Verhältnis in eine Freundschaft zu überführen, hat Wollschläger zeit seines Lebens zutiefst bekümmert.

Auch scheint sich Schmidt resignierend eingestanden zu haben, dass Wollschlägers Entwicklung gänzlich anders verlief als von ihm wohl erhofft. In einem seiner letzten Briefe (vom 6. November 1968) scheint er noch einmal zu versuchen, Wollschläger zur disziplinierten Weiterarbeit an seinem »zweiten Roman« (gemeint sind die ›Nacht-Stücke‹) zu ermuntern. »Daß Ihr Buch nicht recht vorankommt, ist mehr als bedauerlich«, hebt er an. Aber statt nun, wie in früheren Zeiten, Ermahnungen und praktische Ratschläge folgen zu lassen, bricht er sogleich wieder ab: »(Nun, da kann Niemand helfen)«. Den Schluss bildet, nach fast zwei Jahren Funkstille, ein bedrückend trostloser Brief Hans Wollschlägers an Arno Schmidt. Schmidt hat auf diesen Brief nicht mehr geantwortet.

(Allerdings ist unklar, ob dieser Brief überhaupt abgeschickt wurde. Er ist im Bargfelder Archiv nicht vorhanden und liegt nur als Fotokopie eines Durchschlags vor).

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Für die Lesung aus dem umfangreichen Briefwechsel musste natürlich eine Auswahl getroffen werden, die, so hoffen wir, bei allen Einschränkungen dennoch repräsentativ für den Briefwechsel und seine Entwicklung ist. Zum besseren Verständnis seien noch einige Erläuterungen vorausgeschickt.

Der »Alte«, von dem Schmidt und Wollschläger gelegentlich reden, ist natürlich Karl May.

Der Karl-May-Verlag wurde 1913 gegründet und ist bis heute im Besitz der Verlegerfamilie Schmid – »wir sind nicht verwandt« (Arno Schmidt). Gesellschafter des Verlags waren nach dem Tod des Verlagsgründers Euchar Schmid im Jahre 1951 dessen Frau Katharina und ihre drei Söhne Roland, Joachim und Lothar. Wenn Wollschläger in einem Brief also von der »Dame Katharina« oder dem »Rasenden Roland« schreibt, sind Roland Schmid und seine Mutter Katharina gemeint.

Zum 50. Verlagsjubiläum im Jahre 1963 gab es eine große Feier, deren Beschreibung durch Hans Wollschläger Sie gleich hören werden. Bei den darin erwähnten »zwölf biographischen Aposteln« handelt es sich um die zwölf Mitarbeiter einer vom Verlag etablierten Arbeitsgruppe zur Erstellung einer Karl-May-Biographie, die nie erschienen ist.

In einem Brief Schmidts taucht einmal das Wort »Sill« auf. Dabei handelt es sich um eine Anspielung auf die Verbrecherbande der »Schatten« in Mays Roman ›Im Reiche des silbernen Löwen‹ – die wir einfach mal so stehen lassen.

Doch damit genug der einleitenden Worte – ich wünsche Ihnen viel Spaß bei der Lesung aus dem Briefwechsel zwischen Arno Schmidt und Hans Wollschläger und übergebe an Joachim Kersten und Bernd Rauschenbach.

Lesungen fanden bislang in Dortmund, Münster, Celle, Essen, Saarbrücken, Köln und Waldshut-Tiengen statt.