»Und nun auf, zum Postauto!!«: Briefe von Arno Schmidt

4. November 2013, 13.04 Uhr | Giesbert Damaschke

Als die Arno Schmidt Stiftung 1985 damit begann, die Briefe Arno Schmidts nicht in der von anderen Editionen gewohnten Form, bei der nur die Briefe desjenigen erscheinen, dem die Edition gewidmet ist, sondern als Briefwechsel zu publizieren, da ging die Arbeit recht gut voran.

Der Editionsplan der Briefe

Zu Buchmesse 1984 stellte man im ersten „Gesamtverzeichnis der Editionen der Arno Schmidt Stiftung“ den „Editionsplan der Briefe“ vor. Angekündigt wurden für Frühjahr 1985 als Band I der Briefwechsel mit Alfred Andersch, im Frühjahr 1986 sollte als Band II der mit Wilhelm Michels folgen, für das Jahr darauf (Frühjahr 1987) stand als Band IV der Briefwechsel mit Hans Wollschläger auf dem Programm.

Ohne Jahreszahl wurden die Briefwechsel mit Eberhard Schlotter (Band III), mit Verlegern (Band VI) und mit Lesern (Band VII) angeführt. Band V sollte „Kleinere Briefwechsel“ mit Kollegen und Band VIII „Familiäre Korrespondenz“ enthalten.

Der Editionsplan wurde zwar nicht eingehalten, aber das ist bei großen Editionsprojekten ja durchaus üblich und kaum zu vermeiden. Mit leichter Verzögerung erschien im Herbst 1985 der Briefwechsel mit Alfred Andersch, im Sommer 1987 folgte der Briefwechsel mit Wilhelm Michels. Dann trat eine Pause ein. Statt des sehnlichst erwarteten Briefwechsel mit Hans Wollschläger erschien im Herbst 1991 der zwischenzeitlich für Herbst 1989, dann für Herbst 1990 angekündigte Band III (Briefwechsel mit Eberhard Schlotter).

Doch dann herrschte jahrelang Stille. Am Editionsplan der Briefe wurde festgehalten, aber mit Ankündigungen und Jahreszahlen hielt man sich fortan, wohl durch Erfahrung eines besseren belehrt, lieber zurück. Erst im Herbst 2007 erschien der „Briefwechsel mit Kollegen“ als Band V der Briefedition.

Briefe von Arno Schmidt

Zur Buchmesse 2013 legte die Stiftung nun zwar leider immer noch nicht den Briefwechsel zwischen Arno Schmidt und Hans Wollschläger vor, doch dafür präsentierte man außerhalb der Briefedition und der Bargfelder Ausgabe mit „‚Und nun auf, zum Postauto!!‘: Briefe von Arno Schmidt“ einen wunderschönen Band mit 160 Briefen Arno Schmidts an Freunde, Leser, Verleger und Kollegen.

Die von Susanne Fischer und Bernd Rauschenbach herausgegebene Ausgabe versammelt „eine chronologisch geordnete Auswahl von Briefen und Briefentwürfen Arno Schmidts“, in denen sich „Schmidts Selbstverständnis als Schriftsteller“ dokumentiere, wobei „einige Briefe […] selbst literarische Zeugnisse“ seien.

In der Tat. Auch dem versierten Schmidt-Leser, der die bereits andernorts publizierten Briefe an Andersch, Michels oder Schlotter kennt, öffnet sich eine wahre Fundgrube an amüsanten, anrührenden und mitunter auch irritierend seltsamen Texten. Manche Briefe wirken wie, je nun: ganz normale Briefe, andere wurden von Schmidt fast schon wie eine Prosaminiatur komponiert und rechtfertigen die Behauptung der Herausgeber, dass die Briefe „selbst literarische Zeugnisse“ seien.

Wer auf den Schmidt/Wollschläger-Briefwechsel wartet, der liest natürlich zuerst die Briefe an Wollschläger (Nummern 70, 80, 87, 91, 94, 98, 107, 110, 113, 114, 124 und 127). Doch auch die vielen bislang unveröffentlichten Briefe an Reemtsma, an Leser, an Verlage/Verleger, Lektoren, Familienmitglieder oder Schulfreunde sind allesamt eine lohnende Lektüre und eröffnen vielfach einen Blick hinter die Kulissen des Literaturbetriebs und in den Arbeitsalltag Arno Schmidts (wobei natürlich nicht alles für bare Münze genommen werden darf – in den Anmerkungen zu den Briefen finden sich ab und an korrigierende Hinweise).
Da wird um Honorare gefeilscht, da gibt er Wollschläger Tipps aus seiner langjährigen Autorenpraxis und warnt ihn vor Verlegern:

Niemand kann besser wissen als ich, daß alle Verleger Ganoven sind; und das Geschacher um die Pfennige für beste Arbeit gehört zu dem entwürdigsten in unserm ganzen Beruf.

Er spart aber auch nicht mit Kritik und haut Wollschläger eine Poe-Übersetzung um die Ohren (wobei er immer wieder beteuert, es handele sich „Kleinigkeiten“ und schließlich sei es „immer noch angenehmer, wir machen uns gegenseitig auf dergleichen aufmerksam, als daß wir’s boshaften Rezensenten in den Zeitungen überlassen“), beantwortet überraschend geduldig (wenn auch mit, so will mir scheinen, genervtem Unterton) Detailfragen eines Lesers oder verbittet sich nachdrücklich, dass ihm Nabokov in die geplante und leider nie zustande gekommene Übersetzung von „Pale Fire“ hineinredet:

Nun wäre es natürlich auf’s wildeste möglich, daß er, als bestseller=Autor, die Bedingungen mit dem Schwerte in der Hand zu diktieren gewohnt ist, (Sie deuten das, ganz vorsichtig, an) – also wenn diese, unangenehm naheliegende, Möglichkeit ›drin‹ wäre: dann schick’ ich Ihnen ›Pale Fire‹ sofort wieder zurück!

Wie geht’s weiter?

Der Band macht natürlich Lust auf mehr – und es warten wohl noch so manche Funde und Überraschungen auf die Schmidt-Leser. Susanne Fischer teilte in der ASml mit, das Archiv der Arno Schmid Stiftung beherberge 12 Leitzordner mit Briefen von Arno und Alice Schmidt (ohne Gegenbriefe), und der Briefwechsel mit Ernst Krawehl umfasse gar 16 Leitzordner. Hier arbeitet man derzeit an der Texterfassung, plane aber nicht, den kompletten Briefwechsel zu publizieren (das wäre, bei aller Liebe, denn auch zu viel des Guten – bei einer derartigen Masse muss klug ausgewählt werden, wer’s genauer wissen will, muss sich dann halt nach Bargfeld begeben).

Die Arbeit am Wollschläger-Briefwechsel schreitet voran, einen Termin mochte Fischer aber nicht nennen. Aber das macht auch nichts. Gut Ding will bekanntlich Weile haben – und bis der Wollschläger-Briefwechsel erscheint, wird uns die Stiftung wohl noch mit manch anderen schönen Editionen überraschen.

Und überhaupt habe wir ja den nun vorliegenden, jedem Schmidt-Leser nachdrücklich zu empfehlenden Briefband: Mehr davon!

»Und nun auf, zum Postauto!!«. Briefe von Arno Schmidt. Herausgegeben von Susanne Fischer und Bernd Rauschenbach. 295 Seiten. ISBN 978-3-518-80370-7. 29,00 Euro.