›Bargfelder Bote‹, Lfg. 425–427

Samstag, 25. August 2018

Ein neuer ›Bargfelder Bote‹ ist erschienen:

  • Jörg Drews: ZT-Lesenotizen (2)
  • Friedhelm Rathjen: Jörg Drews und die Anfänge der ›Dechiffrier‹-Philologie
  • Wolfram Schütte: Aus einer E-Mail über Jörg Drews und die Anfänge
  • Ergänzende Auskünfte
  • Günther Flemming: Meine Erinnerungen an Jörg Drews
  • Hartwig Suhrbier: Wie alles begann und was daraus wurde. AS, Ernst Krawehl, Jörg Drews und ich
  • Robert Wohlleben: Aus einer E-Mail über den Weg zum Syndikat
  • Jörg Drews: Die heilige Schrift, im Nebenzimmer gedeutet. Die Arno-Schmidt-Forscher trafen sich in Bargfeld
  • Alice Schmidt: Tagebuchnotizen vom 7. bis 11. Oktober 1971
  • Jörg Drews: Kritische ZT-Zwischenbilanz, München, 30. Juni 1970
  • In letzter Zeit ist erschienen und zu unserer Kenntnis gelangt

›Niemandes Betulichkeit‹ [Update]

Freitag, 3. August 2018

Vom 7. Dezember 1961 bis zum 5. Januar 1962 schrieb Schmidt seine Rezension zu Ellmanns Joyce-Biographie (BA III, 4, S. 170–178) und gab ihr den etwas eigenartigen – und, dass ich’s nur gestehe, mir unverständlichen – Titel ›Niemandes Betulichkeit‹.

Bei diesem Titel handelt es sich, was auch sonst, um ein Zitat. Ich habe allerdings so meine Zweifel, ob Schmidt das Werk, das er da zitiert, tatsächlich gelesen hat.

Am 23. Juni 1959 schreibt Hans Wollschläger einen längeren Brief an Arno Schmidt, in dem es unter anderem auch um Robert Kraft geht. Über diesen schreibt Wollschläger:

wollte man ein General-Motto für seine Methodiken suchen, so etwa ›Niemandes Betulichkeit‹ (wie der alte A. M. Frey so entzückend-blödsinnig ein Kapitel seines SOLNEMAN überschrieb –: die beiden sehen sich gar nicht so unähnlich)

Gemeint ist hier der 1914 erschienene Roman ›Solneman, der Unsichtbare‹ von Alexander Moritz Frey. Weder Autor noch Roman tauchen im Werk Schmidts auf, das Wort »betulich« bzw. »Betulichkeit« gehörte (lt. der BA auf CD) ansonsten nicht gerade zu Schmidts aktivem Wortschatz: da liegt der Verdacht schon arg nah, dass Schmidt sich die Formulierung aus Wollschlägers Brief gemerkt bzw. notiert und ein paar Jahre später benutzt hat.

Update 9.8.2018

Günter Jürgensmeier wies mich darauf hin, dass A. M. Frey und sein Roman ›Solneman, der Unsichtbare‹ zwar bei Schmidt nicht auftaucht, dass er den Roman aber wohl gekannt haben muss – und sei es auch nur auszugsweise.

Zu Freys satirischem Roman finden sich im Netz einige Informationen, unter anderem auch eine ziemlich begeisterte Rezension von Tucholsky, aus der ich einfach mal kurz zitiere:

Die Sache ist einfach die, dass Hciebel Solneman (mit einem N, bitte!) eines Tags in die kleine Stadt geschneit kommt und sich den Bürgerpark kauft. Er legitimiert sich mit einem kindskopfgroßen Diamanten, zahlt 75 – in Worten: fünfundsiebzig – Millionen auf den Tisch des Hauses – oder waren es hundertfünfzigtausend? – und macht sichs behaglich in seinem Park.

Und baut eine riesige Mauer um den Park, wie er sich auch ausgemacht hat, dass sich keiner vermessen dürfe, in den Park einzudringen – und das Spiel geht los.

Vor dem Kauf des Parks bittet sich Hciebel Solneman – was natürlich nichts anderes heißt als »Namenlos lebe ich« – aus, dass er in Ruhe gelassen wird:

Niemandes Bruder bin ich, bin niemandes Neugier, niemandes Fürsorge, niemandes Betulichkeit. Dies vor allem.

Anders und salopp gesagt: Schmidt gibt durch die Titelwahl seiner Rezension zu verstehen, dass Leute wie Ellmann Joyce gefälligst in Ruhe zu lassen haben.

Säuglingspflege

Montag, 30. Juli 2018

Vom 9. bis zum 16. April 1964 schrieb Schmidt ››Meine Bibliothek‹‹. Darin heißt es:

Neulich bot mir ein DDR=Antiquar einen Brief des Alten an, in dem ein ganzer Satz Säuglings=Literatur bestellt wird: ?
BA III, 4, S. 363

Dieser »DDR=Antiquar« dürfte eine Erfindung und die Quelle für dieses kuriose Detail eher eine Information Hans Wollschlägers sein. Der nämlich besuchte Schmidt Anfang des Jahres 1964. Zu diesem Besucht notierte sich Schmidt:

Kandolf’s Bibliografie: er hat fortgelassen, die sehr zahlreichen Schriften über ›Säuglingspflege‹ (sic! Wozu W anmerkte, er habe höchstwahrscheinlich eben doch wohl mit den Dienstmädchen Diverses erzeugt!!) […]
Besuchsprotokoll Arno Schmidts (Dokument 8 im kommenden Band ›Briefe IV‹)

Neuauflage von ›Anno Schmidt‹

Samstag, 28. Juli 2018

1974 realisierte Sebastian Schadhauser den Film ›Anno Schmidt‹, mit Anita Ekberg (sic!) als nunja Muse und Rafael Alberti als nunja Arno Schmidt. Der Film existierte lange Jahre nur als Gerücht, bis Winand Herzog ihm hinterher recherchierte, auftrieb und 2008 auf DVD zusammen mit einem 100-seitigen Begleitband in nummerierter Auflage herausbrachte. Diese Auflage ist nun ausverkauft, Herzog und Schadhauser erwägen eine kleine, diesmal nicht-nummerierte Neuauflage:

Mit Sebastian Schadhauser habe ich beratschlagt, ob wir nach zehn Jahren noch einmal eine kleine Auflage herausbringen sollen, nicht mehr numeriert natürlich, und daher auch deutlich preiswerter, weil die damaligen Konvertierungskosten von analog zu digital nicht mehr erbracht werden müssen.

Ab einer Zahl von etwa 20 Subskribenten könnte man das Projekt in Erwägung ziehen. DVD mit Buch würden ca. 28 Euro kosten. Interessenten melden sich bitte bei office40@gmx.net

Einige Eindrücke zu dem Film hat Claus Moser notiert.

Hier wurde umgebaut

Samstag, 28. Juli 2018

Die Umstellung von WordPress zu einer eigenen Blog-Lösung verlief schneller als gedacht, die ASml-News nehmen also gewissermaßen ihren Betrieb wieder auf. Das ganze ist nach wie vor eine Baustelle, mein Code eher ein Verhau als ein sauberes Programm – aber es funktioniert. Vorerst.

Damit es hier nicht gar so leer aussieht, habe ich ein paar ältere Beiträge aus dem bisherigen Blog übernommen.

Um einen RSS-Feed habe ich mich allerdings noch nicht gekümmert, der geneigte Leser wird also gebeten, ab & an einfach mal hier vorbeizuschauen.

Hier wird umgebaut

Montag, 23. Juli 2018

Diese Website wird aktuell umgebaut. Dabei ist die Umstellung des Blogs besonders zeitintensiv, da das bisher benutzte WordPress durch eine eigene Lösung ersetzt werden soll (WordPress ist zweifellos ein sehr gutes Content Management System, aber für meine Zwecke völlig überdimensioniert).

Also habe ich mich dazu entschlossen, das Blog vorerst Blog sein zu lassen, und die ASml-News in dieser vorläufigen Form freizuschalten. So finden sich hier zwar derzeit nicht die titelgebenden Neuigkeiten zu Arno Schmidt, aber die übrigen Informationen sind weiterhin zugänglich.

Im Zuge der Umbauarbeiten ändern sich die meisten URLs dieser Website, unter Umständen muss man also seine Lesezeichen anpassen.

Kurz: Die ASml-News bleiben nicht nur fürs Erste, sondern wohl für einige Zeit eine Baustelle.

Noch einmal ›Ulysses in Deutschland‹

Samstag, 16. Juni 2018

Zum heutigen Bloomsday referiert Lothar Müller noch eimal den Streit um die neue Ulysses-Ausgabe, die nun in einer Auflage von 200 Exemplaren an Bibliotheken und Unis ausgeliefert wurde. Arno Schmidt kommt natürlich auch vor:

Arno Schmidt, in dessen Geist Hans Wollschläger arbeitete, hätte das halblebendige Wesen des Buches womöglich gefallen.

Kein neuer ›Ulysses‹ [3. Update]

Dienstag, 3. April 2018

Update 27.3.
In der NZZ macht Hans Walter Gabler einen Kompromiss-Vorschlag: Rettet den deutschen «Ulysses»

Update 18.3.
Inzwischen hat sich auch Gabriele Wolff ausführlich zu Wort gemeldet: Fake News oder wie ich zur Witwe von Hans Wollschläger wurde.

Update 6.3.
Im Blog des Suhrkamp-Verlags finden sich zwei Beiträge von Harald Beck, die an konkreten Beispielen erläutern, warum eine Revision von Wollschlägers Übersetzung wünschenswert ist:


Seit 10 Jahren arbeitet man bei Suhrkamp an einer revidierten Fassung des von Hans Wollschläger übersetzten ›Ulysses‹, die jetzt aus urheber­rechtlichen Gründen nicht erscheinen wird. Suhrkamp hat schlicht verschlampt, die Erben Wollschlägers zu fragen:

Mondamin

Sonntag, 25. Februar 2018

In der Erzählung ›Großer Kain‹ heißt es über eine Figur, sie sei als »›Lückenbüßer‹ an einer der größten Zeitungen« tätig und müsse sich dort um »den ›Briefkasten‹« kümmern:

zu 90% fingiert, zu 10% wirklich=idiotische Erkundigungen von ›Lesern‹ […] ›Woher stammt das Wort MONDAMIN?‹ (Und die stoisch=irrsinnige Antwort: »E. Kr. in D. – Aus dem Indianischen; ›Korn des Großen Geistes‹, gleich Mais. Ihr Freund hat also seine Wette gewonnen.«).

Das klingt erfunden und parodierend (und sorgt bei Lesungen wohl immer wieder für einen Lacher), ist es aber wahrscheinlich gar nicht, sondern vermutlich wieder mal ein Zitat.

Zum einen: In der Wikipedia kann man erfahren, dass »Mondamin« in der Tat indianischen Ursprungs ist:

Am 29. Januar 1896 wurde beim Deutschen Markenamt die Wortmarke Mondamin […] eingetragen.[…] Der Name selbst wurde vom Wort für »Mais« in der Sprache der Ojibwa (monda(u)min) entlehnt […]. Der Sage nach war der Gott Mondamin der Freund der Menschen. Er starb im Kampf gegen den sagenhaften Häuptling Hiawatha, aus seinem beerdigten Körper wuchsen Maispflanzen.

Zum anderen: Der ›Briefkasten‹ war eine ständige Rubrik im ›Deutschen Hausschatz‹ – eben jener Zeitschrift, in der Unmengen an May-Romanen in Fortsetzungen erschienen –, in der die Redaktion anonymisierte Leserfragen exakt in dem Stil der Erzählung beantwortet hat.

Wenn die Marke Ende Januar 1896 eingetragen wurde, dann, vermute ich mal, dürfte »Mondamin« so ab Mitte 1896 im deutschen Sprachraum einigermaßen bekannt gewesen sein.

Ich halte es daher für mehr als wahrscheinlich, dass im 23. Jahrgang (Mitte 1896/Mitte 1897) des ›Deutschen Hausschatz‹ (den Schmidt besaß) exakt die von Schmidt gebrachte Frage samt Antwort steht (vermutlich mit anderem Adressaten, der bei Schmidt natürlich auf »Ernst Kreuder, Darmstadt« anspielt). 1896/1897 ist übrigens der Jahrgang, in dem im ›Hausschatz‹ der Vorabdruck von Mays ›Im Reiche des silbernen Löwen‹ beginnt – und mit May und speziell diesem Roman hat sich Schmidt zur Zeit der Niederschrift der Erzählung (Oktober 1961) intensiv beschäftigt.

Diese Vermutung müsste man jetzt einfach mal zu verfizieren versuchen. Aber dafür habe ich aktuell leider keine Zeit, also stell’ ich sie hier einfach mal in den Raum.

Eine Suchmaschine für Arno Schmidt

Sonntag, 3. Dezember 2017

Bislang liegt die Bargfelder Ausgabe in elektronischer Form nur als knapp 20 Jahre alte CD für ältere Windows-Systeme vor. Aber es deutet sich eine bessere und flexiblere Lösung an. Einer Anfrage von Susanne Fischer in der ASml lässt sich entnehmen, dass derzeit an einer internetbasierten Version gearbeitet wird. Dabei handelt es sich explizit nicht um eine »elektronische Werkausgabe«, sondern um ein »Suchinstrument«, das kostenlos zur Verfügung gestellt werden soll. Es wird also nicht möglich sein, mal eben einen Roman Schmidts als elektronisches Buch zu laden (dagegen hat sich ja auch vor einiger Zeit Friedrich Forssman vehement ausgesprochen), aber einer Volltextsuche im Gesamtwerk wird dann wohl nichts mehr im Wege stehen.