Arno Schmidt schreibt komisch

23. April 2012, 11.48 Uhr | Giesbert Damaschke

Aus der Allgemeinen Zeitung, Rheinhessen:

Amüsant gibt er [Andreas Wagner] zwischen Leseproben aus seinem neuen Roman „Hochzeitswein“ tiefe Einblicke ins Leben auf einem rheinhessischen Dorf […] und liest schmunzelnd eine Passage aus Arno Schmidts Buch „Die Umsiedler“ („Wundern Sie sich nicht, dass das komisch klingt. Arno Schmidt schreibt komisch.“), in der es heißt: „Die Rheinhessen sind gar keine Menschen. Sie sind Bauern.“ Er sei sehr erleichtert gewesen, dass Schmidt da nicht von seinem Heimatort Essenheim, sondern von Gau-Bickelheim geschrieben habe…

Gemeint ist wohl folgende Stelle (BA I/1, 289):

»Nich ärgern,« sagte mir Katrin unerschütterlich, »das sind doch gar keine Menschen. Sind doch Bauern.«

Arno Schmidt und das Kino

11. April 2012, 16.41 Uhr | Giesbert Damaschke

Im Juni soll erscheinen:

Cover Öztanil Stumme LichtzeichenGuido Erol Öztanil: »Stumme Lichtzeichen«. Arno Schmidt und das Kino
Wehrhahn 2012. ISBN 978–3–86525–266–1. 800 Seiten, ca. 300 Abbildungen. 39,80 Euro.

Aus der Verlagswerbung:

»A[rno] war begeistert«, notierte Schmidts Frau nach dem Kinobesuch von René Clairs Unter den Dächern von Paris (1930) in ihrem Tagebuch.

Die dokumentierte Begeisterung steht im Widerspruch zur allgemein herrschenden Vorstellung von Arno Schmidt als ein die Kinematographie verachtender Schriftsteller, der das Amüsement vermeintlich trivialer Leinwandprojektionen vehement ablehnte. Vorliegendes Buch korrigiert diese Ansicht und lässt einen Autor hervortreten, der schon früh in den Bann der bewegten Bilder geriet und über drei Jahrzehnte hinweg sporadisch in die Welt des Kinos eintauchte.

[…]

»Stumme Lichtzeichen« vereinigt biographische Forschung, Wahrnehmungs- und Kulturgeschichte, Filmarchäologie und Literaturwissenschaft, ist mit seinen zahlreichen Standbildern, Filmprogrammen, Plakaten, Annoncen und Starpostkarten eine opulent ausgestattete Kino-Publikation.

Was würden Sie tun, wenn …

21. Februar 2012, 2.31 Uhr | Giesbert Damaschke

Was wäre Ihre erste Maßnahme, wenn Sie Staatsoberhaupt in der Bundesrepublik würden?

Abdanken.

Arno Schmidts Antwort auf eine Rundfrage der Schwäbischen Donau-Zeitung 1959/1960; zitiert nach BA Sup 2, S. 201

Eines der schönsten Häuser der Welt

16. Januar 2012, 14.22 Uhr | Giesbert Damaschke

Wer sich Arno Schmidts Häuschen in Bargfeld ansieht, der wird wohl kaum auf die Idee gekommen, es zu den „schönsten Häusern der Welt“ zu zählen. Doch das sieht man beim Hochglanzmagazin „AD Architectural Digest“ wohl anders. Denn AD zeigt laut Untertitel „die schönsten Häuser der Welt“ und bringt in der Februar-Ausgabe folgenden Artikel von Michael Maar:

Hinter der Fassade
In einem winzigen Refugium in der Lüneburger Heide schuf der Schriftsteller Arno Schmidt seine Sprachwelten

Es muss da wohl eher um die inneren Werte gehen. – So sieht es übrigens aus, das Haus:

Haus Arno Schmidts in Bargfeld. Foto: Giesbert Damaschke

Arno Schmidts Haus in Bargfeld. Foto: Giesbert Damaschke, April 2003

Arno Schmidt als Fotograf

29. November 2011, 16.27 Uhr | Giesbert Damaschke

Fast hätte ich den obligatorischen Hinweis auf diese Neuerscheinung vergessen:

Arno Schmidt als Fotograf. Entwicklung eines Bildbewusstseins. Hrsg. Janos Frecot. Vorwort von Jan Philipp Reemtsma. Texte von Janos Frecot, Gabriele Kostas, Rainer Stamm und Thomas Weski. Gestaltung von Verena Gerlachl. Deutsch / Englisch. Hatje Cantz 2011. 160 Seiten, 64 Abbildungen, davon 40 farbig. ISBN 978-3-7757-3149-2. 29,80 Euro.

Aus der Verlagsankündigung:

Arno Schmidt (1914–1979) ist nicht nur einer der bedeutendsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts – er schuf nebenbei auch ein fotografisches Werk, das seit den Publikationen und Ausstellungen ab 2003 mehr und mehr das Interesse der an Kunst und Fotografie interessierten Öffentlichkeit findet.

Seine Aufnahmen zeigen Orte, die er an Schauplätzen geplanter Erzählungen aufnahm; die meisten dokumentieren jedoch die norddeutsche Heidelandschaft um seinen Wohnort Bargfeld. In seinen Fotografien verwandelt er die Räumlichkeit der realen Landschaft in Farb- und Strukturflächen, die auf der Ebene des fotografischen Bildes Harmonie und Ausgewogenheit ausstrahlen. Mit seinem »gestaltenden Blick« gelingt es ihm immer wieder, aus unscheinbarsten Alltagsdingen wie einer Schubkarre und einem Wasserschlauch eindrucksvolle Stillleben zu generieren. Die Publikation untersucht dieses künstlerische Nebenwerk aus unterschiedlichen Perspektiven.

Auf der Verlagswebseite kann man ein wenig in einer verkleinerten Version des Buches blättern und sich eine Handvoll Bilder aus dem Pressebereich laden.

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Wielands Grab; oder: Schmidt-Leser sind eben doch gute Menschen

22. Oktober 2011, 20.47 Uhr | Giesbert Damaschke
Efeublatt von Wielands Grab, gepflückt von Arno Schmidt, Wu Hi?, S. 124

Verschwunden & wieder aufgetaucht

Am 11. Oktober wusste Bernd Rauschenbach den Lesern der ASml schlimme Dinge zu berichten:

Seit 1984 zeigen wir, nach Voranmeldung, Einzelbesuchern und Gruppen das Schmidtsche Wohnhaus. 27 Jahre lang ist bei diesen Führungen nichts gestohlen worden. […]

Jahrzehntelang lag auf der Wieland-Ausgabe im Regal über Schmidts Schreibtisch ein postkartengroßes Kartonstück, auf dem ein s/w-Fotodruck von Wielands Grab und ein getrocknetes Efeublatt geklebt sind; mit Tinte beschriftet in Schmidts Vorkriegs-Handschrift: „Gepflückt von / Wielands Grab / im Mai 1939 / Arno Schmidt“ (abgebildet in „WuHi?“ S. 124)

Dieses Kartonstück liegt dort nicht mehr. Es muß, wie wir vorhin bemerkten, in den letzten Wochen gestohlen worden sein.

Rauschenbach war über den Missbrauch des Vertrauens, das die Stiftung jedem Besucher entgegenbringt, merklich deprimiert und redete, in der Hoffnung, er könne ihn über die ASml erreichen, dem Dieb ins Gewissen:

Sollte also (ich weiß, es ist unwahrscheinlich) einem ASML-Teilnehmer zu Ohren kommen, wo sich das entwendete Stück befindet, wäre es schön, wenn er versuchen könnte darauf einzuwirken, daß uns das Stück (anonym und gut verpackt) zurückgegeben wird.

Und das Wunder geschah: eine Woche später, am 19. Oktober, erreichte folgende Jubelmail die Liste:

O happy day !
Ich weiß zwar nicht, wie es dazu gekommen ist – – – aber das Efeublatt ist wieder in Bargfeld. Ein anonymer Entwender ist zum anonymen Rücksender geworden. Schmidt-Leser sind eben doch gute Menschen.

„Der Schriftgott aus Kassel“

22. Oktober 2011, 11.52 Uhr | Giesbert Damaschke

Unter dem schmeichelhaften Titel „Der Schriftgott aus Kassel“ findet sich in der Juli-Ausgabe von „Literaturen“ ein Portrait Friedrich Forssmans, das jetzt auch online nachgelesen werden kann.

Tagebuch 1956 und neues Gesamtverzeichnis

22. Oktober 2011, 11.46 Uhr | Giesbert Damaschke

Tagebuch Alice Schmidt 1956 CoverPünktlich zu Buchmesse ist der im April angekündigte nächste Tagebuchband Alice Schmidts erschienen.

Alice Schmidt: Tagebuch aus dem Jahr 1956. Hrsg. v. Susanne Fischer. Frankfurt: Suhrkamp 2011. ISBN 978-3-518-80330-1. 216 Seiten mit 2 CDs. 28 Euro. (Versandkostenfrei bei Amazon bestellen)

Aus der Verlagsankündigung:

Nach langen Wanderjahren als Kriegsflüchtlinge hatten sich Arno und Alice Schmidt 1956 in ihrem neuen Wohnort Darmstadt etabliert. Der Maler Eberhard Schlotter und Schriftstellerkollegen wie Ernst Kreuder und Kasimir Edschmid zählten zu ihrem Freundes- und Bekanntenkreis – es war Arno Schmidts geselligste Zeit. Der Autor ließ sich sogar zu seiner einzigen öffentlichen Lesung aus seinen Werken überreden. [… ]Dem Band beigelegt ist eine CD mit der Aufnahme der einzigen öffentlichen Lesung Arno Schmidts am 18. Februar 1956 in der Waldschule Kronberg.

Im Anhang finden sich außerdem zwei lesenswerte Berichte Roland Schmids (Karl-May-Verlag) über Gespräche mit Arno Schmidt.

* * *

Ebenfalls neu zur Buchmesse: Ein neues, schön gemachtes Gesamtverzeichnis der Werke Arno Schmidts im Suhrkampverlag (A5, 36 Seiten, mit vielen Fotos).

Rezension zu Huerkamps „Großer Kartei“

28. September 2011, 22.58 Uhr | Giesbert Damaschke

Für Literaturkritik.de habe ich Josef Huerkamps dickes Dechiffrierbuch zum „Steinernen Herzen“ rezensiert. Die Rezension kann hier nachgelesen werden.

Hans Wollschlägers „Herzgewächse“ erschienen

26. September 2011, 17.05 Uhr | Giesbert Damaschke

Hans Wollschläger Herzgewächse CoverDas wurde aber auch Zeit: Im Rahmen von Hans Wollschlägers „Schriften in Einzelausgaben“ liegen nun auch endlich die „Herzgewächse“ vor. Das ist schön. Weniger schön ist natürlich, dass der Roman von Wollschläger nie beendet wurde und dass es nie wieder eine so schöne und angemessene Ausgaben geben wird, wie es die Erstausgabe in ihrer großformatigen Kladdenoptik war. Aber wir wollen nicht meckern, sondern uns draüber freuen, dass die Schriftenreihe fortgeführt wird und nun auch das opus magnum Wollschlägers umfasst. – Aus der Verlagsankündigung:

»Das ist mein Mittelpunkt, diese Herzgewächse, und das Drumherum sind Marginale«, sagte Hans Wollschläger über sein opus magnum. Er nannte es selbst ein »wahnwitzig umfangreiches, diffiziles, auch rücksichtsloses Buch«. Die »Herzgewächse« sind eine fiktive Künstlerbiographie in Form tagebuchartiger Aufzeichnungen. Der philosophische Schriftsteller Michael Adams, 1900 geboren, kehrt 1950 aus der Emigration in seine Heimatstadt Bamberg zurück. Von der Gegenwart, der frühen Adenauerzeit, bis in die Urvergangenheit menschlicher Kultur spannen sich die Einträge seines fiktiven Tagebuches. Immer stärker quälen ihn Paranoia und geistige Zerrüttung, bis er letztlich in der Psychiatrie landet. Überblendung, schnelle Schnitte und abrupte Brechungen kennzeichnen diesen Text, in dem verschiedene Sprach- und Bewusstseinsebenen einander ergänzen, immer neue Geschichten aufeinander zu und gegeneinander laufen.
Die »Herzgewächse« sind ihrer strukturellen Komposition nach Musik: Wortklang und Bedeutung gehen eine in der deutschen Literatur einmalige Synthese ein. Der Band gibt den Text der dritten Auflage von 1997 wieder, das einzige abgeschlossene Kapitel des zweiten Teils (VI) wird im Anhang abgedruckt. Hans Wollschlägers großes Romanwerk blieb unvollendet.

Herzgewächse oder Der Fall Adams. Fragmentarische Biographik in unzufälligen Makulaturblättern. Hrsg. v. Monika Wollschläger. Göttingen: Wallstein 2011. 544 Seiten. ISBN: 978-3-8353-0958-6. 38 Euro.

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