Kein neuer ›Ulysses‹ [3. Update]

Dienstag, 3. April 2018

Update 27.3.
In der NZZ macht Hans Walter Gabler einen Kompromiss-Vorschlag: Rettet den deutschen «Ulysses»

Update 18.3.
Inzwischen hat sich auch Gabriele Wolff ausführlich zu Wort gemeldet: Fake News oder wie ich zur Witwe von Hans Wollschläger wurde.

Update 6.3.
Im Blog des Suhrkamp-Verlags finden sich zwei Beiträge von Harald Beck, die an konkreten Beispielen erläutern, warum eine Revision von Wollschlägers Übersetzung wünschenswert ist:


Seit 10 Jahren arbeitet man bei Suhrkamp an einer revidierten Fassung des von Hans Wollschläger übersetzten ›Ulysses‹, die jetzt aus urheber­rechtlichen Gründen nicht erscheinen wird. Suhrkamp hat schlicht verschlampt, die Erben Wollschlägers zu fragen:

Mondamin

Sonntag, 25. Februar 2018

In der Erzählung ›Großer Kain‹ heißt es über eine Figur, sie sei als »›Lückenbüßer‹ an einer der größten Zeitungen« tätig und müsse sich dort um »den ›Briefkasten‹« kümmern:

zu 90% fingiert, zu 10% wirklich=idiotische Erkundigungen von ›Lesern‹ […] ›Woher stammt das Wort MONDAMIN?‹ (Und die stoisch=irrsinnige Antwort: »E. Kr. in D. – Aus dem Indianischen; ›Korn des Großen Geistes‹, gleich Mais. Ihr Freund hat also seine Wette gewonnen.«).

Das klingt erfunden und parodierend (und sorgt bei Lesungen wohl immer wieder für einen Lacher), ist es aber wahrscheinlich gar nicht, sondern vermutlich wieder mal ein Zitat.

Zum einen: In der Wikipedia kann man erfahren, dass »Mondamin« in der Tat indianischen Ursprungs ist:

Am 29. Januar 1896 wurde beim Deutschen Markenamt die Wortmarke Mondamin […] eingetragen.[…] Der Name selbst wurde vom Wort für »Mais« in der Sprache der Ojibwa (monda(u)min) entlehnt […]. Der Sage nach war der Gott Mondamin der Freund der Menschen. Er starb im Kampf gegen den sagenhaften Häuptling Hiawatha, aus seinem beerdigten Körper wuchsen Maispflanzen.

Zum anderen: Der ›Briefkasten‹ war eine ständige Rubrik im ›Deutschen Hausschatz‹ – eben jener Zeitschrift, in der Unmengen an May-Romanen in Fortsetzungen erschienen –, in der die Redaktion anonymisierte Leserfragen exakt in dem Stil der Erzählung beantwortet hat.

Wenn die Marke Ende Januar 1896 eingetragen wurde, dann, vermute ich mal, dürfte »Mondamin« so ab Mitte 1896 im deutschen Sprachraum einigermaßen bekannt gewesen sein.

Ich halte es daher für mehr als wahrscheinlich, dass im 23. Jahrgang (Mitte 1896/Mitte 1897) des ›Deutschen Hausschatz‹ (den Schmidt besaß) exakt die von Schmidt gebrachte Frage samt Antwort steht (vermutlich mit anderem Adressaten, der bei Schmidt natürlich auf »Ernst Kreuder, Darmstadt« anspielt). 1896/1897 ist übrigens der Jahrgang, in dem im ›Hausschatz‹ der Vorabdruck von Mays ›Im Reiche des silbernen Löwen‹ beginnt – und mit May und speziell diesem Roman hat sich Schmidt zur Zeit der Niederschrift der Erzählung (Oktober 1961) intensiv beschäftigt.

Diese Vermutung müsste man jetzt einfach mal zu verfizieren versuchen. Aber dafür habe ich aktuell leider keine Zeit, also stell’ ich sie hier einfach mal in den Raum.

Eine Suchmaschine für Arno Schmidt

Sonntag, 3. Dezember 2017

Bislang liegt die Bargfelder Ausgabe in elektronischer Form nur als knapp 20 Jahre alte CD für ältere Windows-Systeme vor. Aber es deutet sich eine bessere und flexiblere Lösung an. Einer Anfrage von Susanne Fischer in der ASml lässt sich entnehmen, dass derzeit an einer internetbasierten Version gearbeitet wird. Dabei handelt es sich explizit nicht um eine »elektronische Werkausgabe«, sondern um ein »Suchinstrument«, das kostenlos zur Verfügung gestellt werden soll. Es wird also nicht möglich sein, mal eben einen Roman Schmidts als elektronisches Buch zu laden (dagegen hat sich ja auch vor einiger Zeit Friedrich Forssman vehement ausgesprochen), aber einer Volltextsuche im Gesamtwerk wird dann wohl nichts mehr im Wege stehen.

Bibliographische Korrektur

Donnerstag, 13. Juli 2017

Durch Zufall bin ich einem kleinen bibliographischen Fehler auf die Spur gekommen.

Als Termin für die Erstausstrahlung von ›Vom neuen Großmystiker. (Karl May)‹ wird gemein der 25. Mai 1956 angegeben. Bei der Lektüre von Alice Schmidts Tagebuch aus dem Jahr 1956 bin ich da aber stutzig geworden, vermerkt sie doch am 6. April 1956:

Dann May-Sendung gehört, Arno auch mit! Sender war natürlich wieder teilweise nicht zu hören – war im großen und ganzen recht gut gemacht.

Also hab ich mal beim Deutschen Rundfunkarchiv nachgefragt. Und in der Tat: SDR I strahlte den Radio-Essay erstmals am 6. April 1956 von 22.30 – 23.30 Uhr unter dem Titel ›Der vorletzte Großmystiker. Versuch über Karl May‹ aus.

Zahnärzte

Freitag, 10. März 2017

»… jeder schöngeistige Zahnarzt ist ernsthaft der Meinung, er sei dem Künstler über, weil er ihn ablehne …«

Kurt Tucholsky, ›Die Aussortierten‹ (1931)

»Arno Schmidt: Eine Wildsau im Acker unserer deutschen Sprache!«

Dr. Hans Spierling, Zahnarzt (Leserbrief im ›Spiegel‹ 23/1959)

»Ich versetzte dem Namensschild des Inhabers, freilich war es ein Zahnarzt, einen komplizierten Tritt, und verließ das Lokal.«

Arno Schmidt, ›Schwarze Spiegel‹ (1951)

Arno Schmidt, die ›Gelehrtenrepublik‹ und Stephen King

Donnerstag, 9. März 2017

Die Arno Schmidt Stiftung setzt die Reihe der Einzelausgaben von Arno Schmidts Texten fort. In rund zwei Wochen, genauer: am 28. August und also an Goethes Geburtstag, soll ›Die Gelehrtenrepublik‹ als Band 1410 in der ›Bibliothek Suhrkamp‹ erscheinen.

Wie schon bei den vorherigen Einzelausgaben steuert auch diesmal ein zeitgenössischer Autor ein Nachwort bei. Nach Georg Klein (›Das steinerne Herz‹), Hans-Ulrich Treichel (›Nobodadday's Kinder‹) und Sibylle Lewitscharoff (›Seelandschaft mit Pocahontas‹) ist die Reihe nun an Dietmar Dath.

Sein Nachwort wird in der aktuellen Ausgabe der österreichischen Literaturzeitschrift ›Volltext‹ (Lfd. Nr. 26; Nr. 4 / 2006, August / September) auf den Seiten 3 f. vorabgedruckt:

Kalter Krieg, tote Welt, neuer Stil. Wie Arno Schmidt 1957 wieder einmal ein schwer verkäuflicher Bestseller gelang.
Darin zieht Dath Parallelen zu – tja, wem? Genau, Stephen King:
Zu Kings Leben und Werk sind drolliger- und gewiß zufälligerweise in der Gelehrtenrepublik mehrere teil verborgene, teil täuschend explizite Verweise zu entdecken. [...] Die frappanteste stoffliche Korrespondenz zwischen Kings und Schmidts Schaffen aber, die, wüßte man es nicht besser, tatsächlich Phantasien darüber anregen könnte, wer hier wen gelesen hat, betrifft die postatomare Schauerwelt [...].
Oder, um die Verlagswerbung zu zitieren:
Im Nachwort stellt Dietmar Dath, Feuilletonredakteur der ›Frankfurter Allgemeinen Zeitung‹ und Autor des Briefromanessays ›Die salzweißen Augen‹ (2005) sowie des Romans ›Dirac‹ (2006), einen überraschenden und erhellenden Vergleich zwischen Arno Schmidt und Stephen King an, der auch erklärt, warum der Amerikaner es leichter hat, ein großes Publikum zu erreichen, als der deutsche Autor.

Wer Daths Faible für King und andere unterschätzte Trivialitäten abseits der Trampelpfade bundesdeuter Feuilletonistik kennt, der wird allerdings nicht ganz so überrascht sein.

Arno Schmidt, ›Die Gelehrtenrepublik. Kurzroman aus den Roßbreiten‹, mit einem Nachwort von Dietmar Dath, Frankfurt a. M., Suhrkamp 2006 [= Bibliothek Suhrkamp 1410]

Schmidt erfindet einen Brief Nietzsches

Dienstag, 21. Februar 2017

Ein kleiner Nachtrag zum gestrigen Beitrag. Dort zitiere ich aus einem Brief von Hans Wollschläger, in dem er schreibt, Schmidt habe »ganz ähnlich« wie beim erfundenen May-Brief »einen Brief Nietzsches fingiert«. Das wollte ich doch gern einmal etwas genauer wissen und habe die digitale BA nach Nietzsche-Nennungen bzw. einem Zitat aus einem Nietzsche-Brief durchsucht. Da gibt es nur eine passende Fundstelle (›Aus dem Leben eines Fauns‹, BA I, 1, S. 307):

Ich schlug die biegsame blaue Kröner-Ausgabe auf, und las den Brief, den Friedrich Nietzsche 1891 von der Hebrideninsel Skye an Jakob Burckhardt gerichtet hat: »..... Am Strande, zwischen Planken und anderem stürmisch gekrümmtem Holz, und ein ganzer Himmel von Seesternen wimmelt langsam um mich Schreibenden her: wir bauen die Drachen nun doch ohne furchtsames Verdeck; am ersten Mast wallt schon die Segeldecke mit scharfer roter Borte. – Zwei der Boote werden vorausfahren, als Spähtrupp, als Raben, als Templeisen. Ich, Führer des Haupttreffens, folge wenige Tage später mit den restlichen sechs Schiffen: mein nächstes Lachschreiben (sic!), Freund, wirst Du bereits aus Helluland erhalten, sobald wir die Baustellen für unsere shanties uns auserlesen haben .....« (dann wirrte sich aber der Text, und ich schlug die Seite um, und geriet in Fragmente und Notizen, bis ich erwachte. – Geschieht mir oft, so in Büchern zu blättern. Aber komisch, wo ich N. doch sonst nicht verknusen kann!).

Dieser Brief ist offensichtlich eine Erfindung: 1891 – zwei Jahre nach seinem Zusammenbruch in Turin – war Nietzsche nicht auf Skye, sondern bei seiner Mutter in Naumburg. Aber Wollschlägers Vergleich mit dem fingierten May-Brief ist ein wenig schief. Bei der ›Faun‹-Stelle handelt es sich um eine Fiktion innerhalb einer Fiktion, die obendrein auch als Übergang in den Schlaf gelesen werden kann, der Brief also gar nicht zitiert, sondern vom Ich-Erzähler geträumt wird (wozu auch der Tonfall passt, der an ›Enthymesis‹ oder ›Gadir‹ erinnert). Beim Essay ›Abu Kital‹ setzt Schmidt die Brief-Fiktion dagegen als Beweismittel ein – aber vielleicht ist der erfundene May-Brief auch nur ein Signal mehr, dass man Schmidts Radio-Essays nicht mit literaturwissenschaftlicher Elle messen sollte.

Vermutlich ist das eine alte Kamelle und steht wohl schon in Dieter Kuhns ›Kommentierendes Handbuch zu Arno Schmidts Roman »Aus dem Leben eines Fauns«‹, München 1986, das ich nicht zur Hand habe. Sei’s drum.

Wie Arno Schmidt einen Brief Karl Mays erfand

Montag, 20. Februar 2017

In Schmidts Dialog ›Abu Kital‹ aus dem Jahr 1957 findet sich – BA II, 2, S. 50 – folgendes vorgebliches Zitat aus einem Brief Karl Mays vom 14. Oktober 1902, in dem May angeblich Nietzsches Sprache zu recht »schulmeistert«:

Können Sie Jemanden bewundern, der es fertig bringt, zu schreiben (jetzt breit leiernd): ›Die Naturwissenschaft der Tiere bietet ein Mittel, diesen Satz wahrscheinlich zu machen‹? (wieder normale Stimme): Statt ›Naturwissenschaft der Tiere‹ müßte es doch wohl zumindest ›Naturwissenschaft von den Tieren‹ heißen; aber selbst so: wo lebt der Mensch, dem dafür nicht ›Zoologie‹ einfiele? Dann weiter; sie ›bietet ein Mittel‹?: er meint wohl: ›sie bietet Material dar‹? Auf gut Deutsch jedenfalls hieße Nietzsches Schwulst: ›Die Zoologie könnte vielleicht Beweismaterial liefern‹ – und das ist Einer, der von sich rühmt, ›an einer Seite Prosa zu arbeiten, wie an einer Bildsäule‹?!«

An wen dieser Brief gerichtet gewesen sein soll verrät Schmidt ebenso wenig wie den Fundort. Nun ist es zwar nicht unmöglich, dass Schmidt 1957 einen Brief Mays in die Finger bekommen hat, dem er das Zitat entnahm – aber es ist doch ziemlich unwahrscheinlich. Auch irritiert der knappe, pointierte Tonfall. Obendrein wäre dieser Brief wohl die einzige Stelle, an der May die Wörter »zumindest« und »Schwulst« benutzt, die sich ansonsten im Gesamtwerk nicht nachweisen lassen. Kurz: das Zitat passt einfach nicht zu Karl May – wohl aber zu Arno Schmidt.

Hans-Rüdiger Schwab bringt in seiner Untersuchung zu May und Nietzsche zwar dieses Zitat, schränkt in einer aufschlussreichen Fußnote seine Validität aber deutlich ein:

Hans Wollschläger hält diesen Brief »für eine Erfindung Schmidts, der mir auf Fragen nach der Quelle immer ausweichend antwortete; er hat ja auch ganz ähnlich einen Brief Nietzsches fingiert und liebte solche Fiktionen. In seinem Nachlaß ist jedenfalls keine Spur davon zu finden, wie er an ein solches Schriftstück gekommen sein könnte.« (Brief an den Verf. v. 21. 1. 2001).

Auch wenn Schwab sich etwas irritiert zeigt: Da wird Hans Wollschläger wohl ganz einfach recht haben – diesen Brief hat Schmidt schlicht erfunden.

Was Schmidt am 21. März 1962 im Fernsehen gesehen hat

Dienstag, 7. Februar 2017

In ›Sitara und der Weg dorthin‹ notiert Schmidt zu einem Bild von Sascha Schneider:

Blatt 9 bringt den, (neulich auch televisionär=schwebenden) WINNETOU; bei dessen Anblick ein plattdeutsch=hiesiger Dorfknabe – bis dahin leidenschaftlicher MAY=Verehrer entrüstet aufschrie: ›Dat iss ja ’n Mäkn!‹; was mir in seiner naiven Voxpopulität & als ›erste Reaktion‹ immerhin beachtlich & festhaltenswert erschien.

Diese Sendung erwähnt Schmidt auch in einem Brief an Hans Wollschläger vom 22. März 1962:

Gestern, bei der Television des schwebenden W. rief ein unbefangener ›Seher‹: ›Dat iss ja’n Meeken!‹ – Wie wahr, wie wahr.

Ich wollte gerne wissen, was Schmidt sich da angesehen hatte und wandte mich ans Deutsche Rundfunkarchiv, wo man meine Frage umgehend (nämlich innerhalb von 40 Minuten!) beantworten konnte:

Ich, Old Shatterhand und Kara ben Nemsi
Autor: Artur Müller
Regie: Artur Müller
Erstsendung: 21. März 1961
Dauer: 53 Minuten
Sender: ARD

Ok, muss man nicht unbedingt wissen. Aber es schadet auch nichts, wenn man es weiß.

Arno Schmidts Artikel in der NDB

Freitag, 13. Januar 2017

1959/1960 schrieb Schmidt drei Beiträge für die ›Neue Deutsche Biographie‹, und zwar zu Friedrich de la Motte-Fouqué, Samuel Christian Pape und Karl May. Ein vierter Beitrag zu Justus Erich Bollmann wurde zwar vereinbart, hier liegen aber nur einigen Exzerpte vor, einen entsprechenden Beitrag hat Schmidt nicht geschrieben. Der Beitrag zu Karl May wurde von der Redaktion nicht angenommen. Die beiden veröffentlichten Beiträge stehen auch online zur Verfügung:

Es gibt natürlich auch einen Beitrag zu Schmidt selbst, geschrieben von Bernd Rauschenbach: