Rezensionen zum Briefwechsel Schmidt / Wollschläger [14. Update]

Freitag, 30. Oktober 2020

Update: 30.10.2020

Stand: 25.4.2020

Errata der ›Bargfelder Ausgabe‹

Dienstag, 27. Oktober 2020

Die Website der Arno Schmidt Stiftung hat einen neuen Menüpunkt: Errata. Hier finden sich aktuell die Erratazettel zum Supplementband 2 (›Lesungen, Interviews, Umfragen‹) und zum Band 1 der ›Bargfelder Ausgabe‹ (der jüngst fehlerbereinigt neu aufgelegt wurde).

Lektüreseminar ›Schwarze Spiegel‹

Dienstag, 20. Oktober 2020

Vom 30. April bis 2. Mai 2021 veranstaltet die Arno Schmidt Stiftung ein weiteres Lektüreseminar im Nordkolleg Rendsburg. Diesmal geht es um ›Schwarze Spiegel‹. – Ankündigungstext:

»Lichter? (ich hob mich auf den Pedalen) – : – Nirgends. (Also wie immer seit den fünf Jahren).«

So beginnt der Endzeittext »Schwarze Spiegel« (1951) – der letzte Überlebende nach dem Atomkrieg streift durch Norddeutschland. In diesem frühen Roman Arno Schmidts wird die menschenleere Welt nicht als Schreckensszenario beschrieben, vielmehr erklärt der Erzähler, es sei »doch richtig so«.

Der Text wird in gemeinsamer Lektüre erarbeitet. Dabei wird es um die Mikrostruktur des Textes ebenso gehen wie um die Gesamtkonzeption. Weitere Themen sind die Haltung des Erzählers, Utopie und Dystopie und die Verortung des Romans in Schmidts Gesamtwerk.

Anmeldungen sind auf der Webseite des Nordkollegs möglich.

›Nobodaddy’s Kinder‹ als Hörspiel zum Download

Sonntag, 18. Oktober 2020

1997/1998 richtete Klaus Buhlert Schmidts die Trilogie ›Nobodaddy’s Kinder‹ – also ›Aus dem Leben eines Fauns‹, ›Brand’s Haide‹ und ›Schwarze Spiegel‹ – für den Bayerischen Rundfunk als rund eineinhalbstündige Hörspiele ein.

Diese Hörspiele werden von den verschiedenen Rundfunksendern gelegentlich wiederholt – aktuell brachte etwa der Deutschlandfunk ›Schwarze Spiegel‹ –, aber nicht immer auch als Podcast bzw. zum Download bereitgestellt.

In der ASml wies Wolfgang Behrens nun dankenswerterweise darauf hin, dass alle drei Produktionen beim Bayerischen Rundfunk geladen werden können, nämlich hier: Nobodaddy’s Kinder.

Neuauflage von BA I, 1

Samstag, 3. Oktober 2020

Die Arno Schmidt Stiftung notiert in ihrem Blog am 1. Oktober:

Die Bargfelder Ausgabe der Werke Arno Schmidt sollte stets lieferbar sein, deswegen gibt es jetzt eine korrigierte Neuauflage von Band 1!

Eine Liste mit den (vermutlich) vorgenommenen Korrekturen findet sich in Sup I, S. 405–407.

Das Brockengespenst

Samstag, 3. Oktober 2020

Am 1./2. Januar 1963 besuchte Hans Wollschläger Arno Schmidt in Bargfeld. Zu diesem Besuch legte Schmidt ein Protokoll an, in dem er sich die Neuigkeiten zu Karl May notierte, die er von Wollschläger erfahren hatte. Unter Punkt 12 heißt es da:

Eine frühe Bekanntschaft aus den Jahren 1884 ein tauber Ingenieur namens Nehse: dessen Name erscheint im GEIST; denn er war der Sohn jenes ›Brockenwirtes‹, der das ›Brockengespenst‹ erklärt hat! Die Beiden unterhielten sich mit Hülfe eines sogen. ›Konversationsbuches‹ und das ist samt zahlreichen interessanten Marginalien erhalten. Hier schon die Bildung OS=KBN und ihrer Taten & Vielsprachigkeit zu verfolgen. (Das ›brockengespenst‹ sah übrigens SILBERSCHLAG 1780 zum erstenmale; d.h. beschrieb es.)
Briefe IV, S. 932

Wollschlägers Information hinterließ prompt Spuren in Schmidts Werk. Im März 1963 schrieb er ›Die Abenteuer in der Sylvesternacht‹. Darin heißt es:

Was iss=iss für Schnee?: stammt er aus tiefer Luft, vom Dümmer her? Kommt er vom Harz, wo das Gespenst brockt, nehst & silberschlackt?

Das »Brockengespenst« ist ein optisches Phänomen, das erstmals von Johann Esaias Silberschlag (dessen ›Geogonie‹ in ›Kaff‹ eine große Rolle spielt) beschrieben wurde. May erwähnt das Brockengespenst und Nehse in ›Der Geist des Llano estakata‹ (1888):

Er setzte sich zu Fred. Dieser meinte lächelnd:

»So groß braucht dein Entsetzen nicht zu sein. Die Erscheinung, welche wir hatten, läßt sich vielleicht auf ganz natürlichem Wege erklären. Denke doch nur an das Brockengespenst, dessen Entstehung der Brockenwirt Nehse so überzeugend nachgewiesen hat!«

»Nehse? Den kenne ich ooch. Sein Sohn is een berühmter Civilingenieur und wohnt in Blasewitz. Er hatte die Ehre, mich off eener Landpartie nach Moritzburg zu treffen und mir grad über das Brockengeschpenst seinen achtungsvollsten Vortrag zu halten. Das is eene harzreiche Lufterscheinung, halb Ozon und halb Sauerschtoff, die sich in der Atmosphäre niederschlägt und dann vom Nebel in glühende Hagelkörner offgelöst wird. […]

KMW, III, 1, S. 540

Bargfelder Bote, Lfg. 453–454

Freitag, 4. September 2020

Die Lieferung 453–454 des ›Bargfelder Boten‹ ist erschienen. – Inhalt:

  • Stephan Kraft, ›»Gipp ammall BILD.« Zur Initialzündung der Doppelhandlung in Arno Schmidts »Kaff auch Mare Crisium«‹
  • Rudi Schweikert, ›Rhythmisches Zitieren, Anspielungsverzahnungen – und mehr »Inferno« als »Faust«. Zu Arno Schmidts Radler-Geschichte »Nebenmond und rosa Augen«‹
  • Kai U. Jürgens, ›Befreites Schreiben im Spätwerk‹ (Rez. zu Günther Flemming, ›Orpheus‹)
  • In letzter Zeit ist erschienen und zu unserer Kenntnis gelangt

›Enthymesis‹ als Hörstück

Mittwoch, 15. Juli 2020

2014 brachte der Schauspieler Richard Gonlag ›Enthymesis‹ als Einpersonenstück auf die Bühne. Aufführungen gab es in Bargfeld, Berlin, Biberach, Friedrichshafen und Rostock. Jetzt hat Gonlag ›Enthymesis‹ als rund eineinhalbstündiges Hörstück eingerichtet und bei Soundcloud, Spotify und als Podcast bei Apple veröffentlicht. Das Stück kann bis zum 13. Oktober abgerufen werden.

Etwas zu ›Der Gang zu jenen Höhn‹

Samstag, 11. Juli 2020

Inzwischen habe ich den neuen Band von Wollschlägers ›Schriften in Einzelausgaben‹ vorliegen und kann etwas zum Inhalt sagen (ein detailliertes Inhaltsverzeichnis findet sich in der Hans-Wollschläger-Bibliographie). Mit 440 Seiten ist er einer der umfangreicheren Bände der Werkausgabe. Er enthält nicht nur Texte, die man vermutlich schon kennt und in anderer Form besitzt (›Wiedersehen mit Dr. F.‹, ›Die Instanz K. K.‹ oder ›Am Ende eines »Weltalltags«‹), sondern auch eine Reihe von Arbeiten für Zeitungen und Zeitschriften, die bislang noch nicht in Buchform vorlagen. Schön, dass diese Texte jetzt in einer leicht erreich- und zitierbaren Ausgabe verfügbar sind.

Der Band stellt, so der Klappentext

die private und gänzlich subjektive Literaturgeschichte des Autor und besessenen Lesers Wollschläger vor

aber eine wie auch immer geartete »geschlossene Darstellung« darf man hier nicht erwarten (was bei einem Autor wie Hans Wollschläger, der anscheinend eine heilige Scheu davor hatte, etwas »abschließend« zu formulieren und dessen Denken im permanenten Fluss war, auch nicht wirklich überrascht).

Zu den beiden Wollschläger prägenden Autoren Arno Schmidt und Karl May liegen bereits Bände in der Werkausgabe vor – wenn auch speziell zu Karl May leider immer noch gar nicht mal so wenig kleinere und nicht ganz so kleine Texte fehlen –, ›Der Gang zu jenen Höhn‹ versammelt nun Texte zu einigen anderen Autoren.

Der größte Teil des Bandes – nämlich rund 150 Seiten – widmet sich Friedrich Rückert, rund 70 Seiten gehören James Joyce, jeweils rund 50 Seiten beschäftigen sich mit Karl Kraus und Thomas Mann. Auf den restlichen 120 Seiten geht es um Jean Paul, E. T. A. Hoffmann, Edgar Allan Poe, Friedrich Nietzsche und John Miltons ›Lost Paradise‹ bzw. dessen Rezeption. So unterschiedlich die Anlässe, so ähnlich sind sich doch alle Arbeiten in der Grundstruktur, immer münden sie, durchaus typisch für Wollschläger, im Großen Ganzen und deuten weit über den konkreten Gegenstand hinausweisende Überlegungen an.

Mit dabei sind mit ›»The Man that was Used up«‹ und ››Ecce Homo‹ – Zur Krankheit Friedrich Nietzsches‹ auch zwei recht frühe Texte, die seinerzeit in ›Lynx‹ erschienen sind und seither eher nur als Gerücht kursierten. (Von ›Lynx‹ war für Herbst 2019 ein Reprint angekündigt, aber daraus ist bislang wohl nichts geworden.)

Zu ›»The Man that was Used up«‹ schrieb Wollschläger am 4. November 1965 an Arno Schmidt:

Anbei nun zwei Skripte zu POE –: einmal meine Anmerkungen zu Schuhmann’s Apparat – und dann das von Müller geforderte ›Nachwort des Übersetzers‹: ich habe es bei halber Betäubung und mit entsprechender Reizbarkeit hingetippt und bin unsicher, ob es so akzeptabel ist –: wenn nicht, rufen Sie bitte ohne Rücksicht Ihr entscheidendes ›Nein!‹
Briefe IV, S. 746

Ein »entscheidendes ›Nein!‹« rief Schmidt zwar nicht, er riet aber dennoch unmissverständlich ab. Das Nachwort sei zwar »nicht schlecht«, aber:

hinter einer POE-Ausgabe-selbst natürlich etwas olalá. Dergleichen plaziert man, (zumal wenn der (durchaus berechtigte!) Überdruß des philmonadigen Übersetzers so unüberhörbar zum Ausdruck kommt), doch besser–richtiger–gerechter in einer kleinen Rundfunksendung, oder einer großen Zeitung: der bloße räumliche Abstand vom Buche–selbst, bringt sofort Alles ins gleiche.
Briefe IV, S. 750

Liest man den nun bequem vorliegenden Text, leuchten Schmidts Bedenken sofort ein, formuliert Wollschläger hier doch scharfe Kritik an Poes Stil, die er zuvor in Briefen an Schmidt vorbrachte (vgl. hier etwa Wollschlägers Brief vom 21. Dezember 1964, Briefe IV, S. 716–721) und die als Nachwort einer Poe-Ausgabe nun wirklich »etwas olalá« gewesen wäre.

Die in diesem Band erstmals veröffentlichen Notizen ›Entering Finnegans Wake‹ bieten grundsätzliche Überlegungen zur Frage, was einen »modernen Roman« ausmache, bei denen auch das Spätwerk Arno Schmidts am Rand erwähnt wird. Lesern Wollschlägers wird der Text zwar neu sein, aber dennoch vertraut vorkommen, finden sich die hier vorgebrachten Punkte doch auch in der ein oder anderen Form verstreut in anderen Texten und Interviews Wollschlägers.

Bargfelder Bote, Lfg. 451–452

Freitag, 10. Juli 2020

Die Lieferung 451–452 des ›Bargfelder Boten‹ ist erschienen. – Inhalt:

  • Winand Herzog, Ein Birnbaum und eine ›Fontaine de Jouvence‹. Wie und warum Arno Schmidt Fontane zitiert
  • Gehört, gelesen, zitiert
  • In letzter Zeit ist erschienen und zu unserer Kenntnis gelangt