»mein bisher (und für immer) umfangreichstes Stück«

Samstag, 19. März 2016

Da hat er sich aber ziemlich verschätzt:

Das ›Steinerne Herz‹ […] wird mein bisher (und für immer!) umfangreichstes Stück sein […].
Arno Schmidt an Günter Waldmann, 6. März 1956; zitiert nach dem Katalog Literatur 2012 der Autographenhandlung Stargardt.

Wie Arno Schmidt beinahe ›Lord of the Rings‹ übersetzt hätte

Freitag, 6. März 2015

Am 22. August 1966 erhielt Arno Schmidt eine Anfrage des Ernst Klett Verlages, ob er nicht ein Werk übersetzen wolle,

das in Deutschland zu veröffentlichen fast unmöglich ist … und doch sind wir zu dem fast Unmöglichen fast bereit. Das Werk ist eine gigantische Märcheninsel, die zu der Welt der Faerie Queene (und vielleicht auch zu Angria und Gondal) eine unterirdische Verbindung hat; es nennt sich THE LORD OF THE RINGS und hat einen Professor namens J.R.R.Tolkien zum Verfasser. Ob man diesen ernsthaften Schnickschnack eindeutschen kann, das hängt zunächst einmal davon ab, ob man einen Übersetzer findet, der sich die gewaltige Arbeit zutrauen kann; in Deutschland gibt es nur einen, der es könnte, und das sind Sie.

Schmidts Antwort vom 26. September ist nur als Entwurf im Bargfelder Archiv erhalten und wurde von Alice Schmidt geschrieben:

SgH Dr Arbogast,

Dank für Ihren Brief vom 22.8. – Ich weiß wohl von der Existenz des J.R.R.Tolkien’schen Riesenwerkes ›The Lord of the Rings‹ habe aber leider noch nie Gelegenheit gehabt, es zu lesen. – Nun ist es aber so, daß ich selbst ein umfangreiches großes Buch schreibe, und vermutlich noch das ganze nächste Jahr ganz ausschließlich daran arbeiten werde – so daß ich für absehbare Zeit an eine so große Übersetzungsarbeit nicht denken kann.

Vielleicht ergibt sich späterhin einmal eine Zusammenarbeit.

Mit vorzügl. Hochachtung

iA

Zitiert mit freundlicher Genehmigung der Arno Schmidt Stiftung.

Mir war das völlig neu; allerdings wies Friedhelm Rathjen in der ASml auf sein Buch ›Der Bücherfresser – Arno Schmidt als Wiederverwerter‹ aus dem Jahr 2009 hin. Dort findet sich das Kapitel »Zu lieb, als daß ich mich da plagen möchte – Fünfzig Bücher, die Arno Schmidt nicht übersetzte«, in dem natürlich auch ›Lord of the Rings‹ auftaucht.

Arno Schmidt, ›Das große Lesebuch‹

Sonntag, 24. November 2013

Wenn ein Buch den Titel ›Das große Lesebuch‹ besitzt, dann erwartet man nicht unbedingt ein 440-Seiten-Taschenbuch. In diesem Fall hatte der Herausgeber wohl keine Wahl, handelt es sich doch um einen Reihentitel und also um ein Vorgabe des Verlags. Doch der Titel ist auch schon das einzige kleine Ärgernis des Arno-Schmidt-Lesebuchs, auf dessen Cover Arno Schmidt den Leser in ungewohnt entspannter Mimik anlächelt. Bernd Rauschenbach hat eine gelungene Auswahl zusammengestellt, die das gewaltiges Werk in seinen verschiedenen Facetten auf relativ engem Raum abbildet. Auf Kostenproben der ›Juvenilia‹ wurde dankenswerterweise verzichtet, das Spätwerk und die Funkessays fehlen wohl aus Platzgründen.

Die Anordnung der durchaus sehr unterschiedlichen Texte folgt dabei keiner chronologischen, sondern einer inhaltlichen Ordnung, wobei komplexe und den Einsteiger wohl eher ratlos zurücklassende Texte aus den „Ländlichen Erzählungen“ neben eingängigen Miniaturen aus den ›Stürenburg-Geschichten‹ stehen.

Die Sammlung gliedert sich in drei Abschnitte. Im ersten Teil finden sich sieben kürzere Texte wie ›Verschobene Kontinente‹ oder ›Seltsame Tage‹, aber auch die umfangreichere Erzählung ›Pharos oder von der Macht der Dichter‹ und vor allem das kunstvolle Kabinettstück ›Tina oder über die Unsterblichkeit‹.

Es folgen fünf Beispiele für Schmidts essayistisches Werk, darunter ›Der Platz, an dem ich schreibe‹ und die ›Dankadresse zum Goethepreis 1973‹.

Nach diesem eher behutsamen Einstieg in den erzählerischen Kosmos Arno Schmidts geht der dritte Teil (der mit  rund 280 Seiten mehr als die Hälfte des Lesebuchs füllt) in die Vollen. Hier finden sich zwar auch, wohl zur Auflockerung, eingängige, kurze Texte wie ›Trommler beim Zaren‹, ›Was soll ich tun‹ oder ›Die Wasserlilie‹, aber es überwiegen die längeren und deutlich komplexeren Erzählungen wie ›Schwarze Spiegel‹, ›Enthymesis oder W.I.E.H.‹, ›Seelandschaft mit Pocahontas‹ und ›Goethe und Einer seiner Bewunderer‹. Mit ›Kühe in Halbtrauer‹ und ›Die Abenteuer der Sylvesternacht‹ finden auch zwei anspruchsvolle Beispiele aus den ›Ländlichen Erzählungen‹ ihren Platz, in denen sich Thema und Erzählstrategie des verständlicherweise nicht vertretenen Spätwerks ankündigen.

Eingerahmt wird die Prosa-Auswahl durch zwei Gedichte (›Ich habe mich dem Leben nie verweigert‹ und ›Hundstagsspaziergang‹), ein knapper Abriss von Arno Schmidts Leben und Textnachweise bilden den Anhang.

Vermutlich würde jeder Schmidt-Leser eine jeweils andere Auswahl und eine andere Zusammenstellung wählen, aber Bernd Rauschenbach hat die fast unmöglich scheinende Aufgabe, Schmidts Werk für neugierige Leser zugänglich zu machen, deren Schmidt-Kenntnisse vor allem aus Feuilleton-Gerüchten bestehen, mit Bravour bewältigt.

Wenn Sie in Zukunft gefragt werden, was man von Schmidt denn lesen sollte, um einen Zugang zu dem völlig zu Unrecht als „schwierig“ verschrieenen Autor zu bekommen: dann drücken Sie den Fragenden einfach dieses Lesebuch in die Hand. Damit können Sie nichts falsch machen.

Arno Schmidt. Das große Lesebuch. Hrsg. v. Bernd Rauschenbach. Frankfurt/M.: Fischer 2013. 445 Seiten. ISBN 978-596-90555-3. 9,99 Euro

»Feenpalast«

Mittwoch, 20. November 2013

Aktuell lese ich ›Schwere Zeiten‹ von Charles Dickens (in der mäßigen Kindle-Edition und der mäßigen Übersetzung von Carl Kolb). Da heißt es zu Beginn von Kapitel 10:

Die Lichter in den großen Fabriken, die, wenn sie erleuchtet waren, wie Feenpaläste aussahen – wie die mit Luxus-Expreß-Reisenden wenigstens behaupten – waren sämtlich ausgelöscht, …

Bei den »großen Fabriken« handelt es sich um Webereien bzw. Textilfabriken allgemein.

Bei dieser Stelle fiel mir eine Passage ein, die ich in den ›Umsiedlern‹ verortete, dort aber nicht fand. Stattdessen wurde ich in ›Rollende Nacht‹  fündig (das ja wiederum ein separat veröffentlichter Auszug aus den ›Umsiedlern‹ ist):

Aber sie rettete mich selbst, als ihr Blick zufällig aus dem Fenster fiel: »Also wie ein Feenpalast!«. Die Fabrik war nämlich schon jetzt, um halb Sechs, über und über erleuchtet, sah aus ihrer ernsten Front hundertäugig in die Winternacht, und ich dachte – dachte: ich mußte ja vorsichtig sein! – wie es wohl in einem Kopf aussehen möge, dem beim Anblick eines Textilwerkes das Wort ›Feenpalast‹ einfiel: so eine darf nun auch wählen!
(BA I, 4, S. 121)

Ähnlich auch in ›Bedeutend; Aber …‹ (BA III, 3, S. 498), ›Dichter und ihre Gesellen‹ (BA III, 4, S. 419) und ›Zettel’s Traum‹ (BA IV, 1, S. 23).

Arno Schmidt und »Weimar«

Sonntag, 17. November 2013

Das Bändchen versammelt die zusammenhängende Texte Arno Schmidts, in denen es um die ›Weimarer Klassik‹ geht: ›Vorspiel‹ (aus ›Dya Na Sore‹), ›Wieland oder die Prosaformen‹, ›An Uffz. Werner Murawski‹, ›Goethe und Einer seiner Bewunderer‹ und ›Herder oder vom Primzahlmenschen‹.

Im einleitenden Essay ›Die Konstellation Weimar‹ zeichnet Jan Philipp Reemtsma die Entwicklung nach, die aus dem eher verschlafenen Provinznest Weimar eine wirkmächtige ›historisch-normativen Bezugsgröße‹ des literarischen Lebens werden ließ. Im zweiten Teil seines Essay stellt er dann Arno Schmidts Funkessays vor und geht ausführlich darauf ein, dass ausgerechnet Schiller fehlt, dem Schmidt in seinen frühen ›Dichtergesprächen‹ noch nicht einmal einen Platz im Elysium zubilligt.

Das Büchlein lässt mich etwas ratlos zurück. Schmidt-Lesern bietet es wohl kaum Neues, wer Schmidt noch nicht kennt, wird ihn durch die Fokussierung auf die doch recht spezielle Frage, wie Schmidt es denn nun mit ›Weimar‹ hielt, auch nicht unbedingt kennenlernen.

Arno Schmidt, ›»Na, Sie hätten mal in Weimar leben sollen!«. Über Wieland – Goethe – Herder‹, hg. v. Jan Philipp Reemtsma, Stuttgart, Reclam 2013 [= RUB 18979]

›»Und nun auf, zum Postauto!!«‹: Briefe von Arno Schmidt

Montag, 4. November 2013

Als die Arno Schmidt Stiftung 1985 damit begann, die Briefe Arno Schmidts nicht in der von anderen Editionen gewohnten Form, bei der nur die Briefe desjenigen erscheinen, dem die Edition gewidmet ist, sondern als Briefwechsel zu publizieren, da ging die Arbeit recht gut voran.

Der Editionsplan der Briefe

Zu Buchmesse 1984 stellte man im ersten ›Gesamtverzeichnis der Editionen der Arno Schmidt Stiftung‹ den »Editionsplan der Briefe« vor. Angekündigt wurden für Frühjahr 1985 als Band I der Briefwechsel mit Alfred Andersch, im Frühjahr 1986 sollte als Band II der mit Wilhelm Michels folgen, für das Jahr darauf (Frühjahr 1987) stand als Band IV der Briefwechsel mit Hans Wollschläger auf dem Programm.

Ohne Jahreszahl wurden die Briefwechsel mit Eberhard Schlotter (Band III), mit Verlegern (Band VI) und mit Lesern (Band VII) angeführt. Band V sollte ›Kleinere Briefwechsel‹ mit Kollegen und Band VIII ›Familiäre Korrespondenz‹ enthalten.

Der Editionsplan wurde zwar nicht eingehalten, aber das ist bei großen Editionsprojekten ja durchaus üblich und kaum zu vermeiden. Mit leichter Verzögerung erschien im Herbst 1985 der Briefwechsel mit Alfred Andersch, im Sommer 1987 folgte der Briefwechsel mit Wilhelm Michels. Dann trat eine Pause ein. Statt des sehnlichst erwarteten Briefwechsel mit Hans Wollschläger erschien im Herbst 1991 der zwischenzeitlich für Herbst 1989, dann für Herbst 1990 angekündigte Band III (Briefwechsel mit Eberhard Schlotter).

Doch dann herrschte jahrelang Stille. Am Editionsplan der Briefe wurde festgehalten, aber mit Ankündigungen und Jahreszahlen hielt man sich fortan, wohl durch Erfahrung eines besseren belehrt, lieber zurück. Erst im Herbst 2007 erschien der ›Briefwechsel mit Kollegen‹ als Band V der Briefedition.

Briefe von Arno Schmidt

Zur Buchmesse 2013 legte die Stiftung nun zwar leider immer noch nicht den Briefwechsel zwischen Arno Schmidt und Hans Wollschläger vor, doch dafür präsentierte man außerhalb der Briefedition und der Bargfelder Ausgabe mit ›»Und nun auf, zum Postauto!!«: Briefe von Arno Schmidt‹ einen wunderschönen Band mit 160 Briefen Arno Schmidts an Freunde, Leser, Verleger und Kollegen.

Die von Susanne Fischer und Bernd Rauschenbach herausgegebene Ausgabe versammelt »eine chronologisch geordnete Auswahl von Briefen und Briefentwürfen Arno Schmidts«, in denen sich »Schmidts Selbstverständnis als Schriftsteller« dokumentiere, wobei »einige Briefe […] selbst literarische Zeugnisse« seien.

In der Tat. Auch dem versierten Schmidt-Leser, der die bereits andernorts publizierten Briefe an Andersch, Michels oder Schlotter kennt, öffnet sich eine wahre Fundgrube an amüsanten, anrührenden und mitunter auch irritierend seltsamen Texten. Manche Briefe wirken wie, je nun: ganz normale Briefe, andere wurden von Schmidt fast schon wie eine Prosaminiatur komponiert und rechtfertigen die Behauptung der Herausgeber, dass die Briefe »selbst literarische Zeugnisse« seien.

Wer auf den Schmidt/Wollschläger-Briefwechsel wartet, der liest natürlich zuerst die Briefe an Wollschläger (Nr. 70, 80, 87, 91, 94, 98, 107, 110, 113, 114, 124 und 127). Doch auch die vielen bislang unveröffentlichten Briefe an Reemtsma, an Leser, an Verlage/Verleger, Lektoren, Familienmitglieder oder Schulfreunde sind allesamt eine lohnende Lektüre und eröffnen vielfach einen Blick hinter die Kulissen des Literaturbetriebs und in den Arbeitsalltag Arno Schmidts (wobei natürlich nicht alles für bare Münze genommen werden darf – in den Anmerkungen zu den Briefen finden sich ab und an korrigierende Hinweise).

Da wird um Honorare gefeilscht, da gibt er Wollschläger Tipps aus seiner langjährigen Autorenpraxis und warnt ihn vor Verlegern:

Niemand kann besser wissen als ich, daß alle Verleger Ganoven sind; und das Geschacher um die Pfennige für beste Arbeit gehört zu dem entwürdigsten in unserm ganzen Beruf.

Er spart aber auch nicht mit Kritik und haut Wollschläger eine Poe-Übersetzung um die Ohren (wobei er immer wieder beteuert, es handele sich »Kleinigkeiten« und schließlich sei es »immer noch angenehmer, wir machen uns gegenseitig auf dergleichen aufmerksam, als daß wir’s boshaften Rezensenten in den Zeitungen überlassen«), beantwortet überraschend geduldig (wenn auch mit, so will mir scheinen, genervtem Unterton) Detailfragen eines Lesers oder verbittet sich nachdrücklich, dass ihm Nabokov in die geplante und leider nie zustande gekommene Übersetzung von ›Pale Fire‹ hineinredet:

Nun wäre es natürlich auf’s wildeste möglich, daß er, als bestseller=Autor, die Bedingungen mit dem Schwerte in der Hand zu diktieren gewohnt ist, (Sie deuten das, ganz vorsichtig, an) – also wenn diese, unangenehm naheliegende, Möglichkeit ›drin‹ wäre: dann schick’ ich Ihnen ›Pale Fire‹ sofort wieder zurück!

Wie geht’s weiter?

Der Band macht natürlich Lust auf mehr – und es warten wohl noch so manche Funde und Überraschungen auf die Schmidt-Leser. Susanne Fischer teilte in der ASml mit, das Archiv der Arno Schmid Stiftung beherberge 12 Leitzordner mit Briefen von Arno und Alice Schmidt (ohne Gegenbriefe), und der Briefwechsel mit Ernst Krawehl umfasse gar 16 Leitzordner. Hier arbeitet man derzeit an der Texterfassung, plane aber nicht, den kompletten Briefwechsel zu publizieren (das wäre, bei aller Liebe, denn auch zu viel des Guten – bei einer derartigen Masse muss klug ausgewählt werden, wer’s genauer wissen will, muss sich dann halt nach Bargfeld begeben).

Die Arbeit am Wollschläger-Briefwechsel schreitet voran, einen Termin mochte Fischer aber nicht nennen. Aber das macht auch nichts. Gut Ding will bekanntlich Weile haben – und bis der Wollschläger-Briefwechsel erscheint, wird uns die Stiftung wohl noch mit manch anderen schönen Editionen überraschen.

Und überhaupt habe wir ja den nun vorliegenden, jedem Schmidt-Leser nachdrücklich zu empfehlenden Briefband: Mehr davon!

›»Und nun auf, zum Postauto!!« Briefe von Arno Schmidt‹, hg. v. Susanne Fischer u. Bernd Rauschenbach, Berlin, Suhrkamp 2013.

Die Welt ist groß genug

Samstag, 2. Oktober 2010

Man lernt doch nie aus: Eine meiner Lieblingsformulierungen Arno Schmidts stammt überhaupt nicht von Arno Schmidt. Sie lautet:

Die Welt ist groß genug, dass wir alle darin Unrecht haben können.

Schmidt benutzt diese Formulierung mehrfach. Erstmals in seiner Rezension von Ernst Kreuders ›Agimos‹ aus dem Jahr 1959. Das Buch hat ihm nicht so dolle gefallen, aber er schließt versöhnlich:

Aber ich will nicht eine Intoleranz mit der anderen vergelten. Einigen wir uns dahingehend, Herr Kreuder: Die Welt ist groß genug, daß wir Beide darin Unrecht haben können!

In ›Der Platz, an dem ich schreibe‹ (1960) heißt es:

Ich bin wegen meiner Selenomanie weder ›hyänenhaft feige‹, noch eine ›potentielle Verbrechernatur‹, wie viele meiner Gegner arg gerne möchten – als wenn die Erde nicht groß genug wäre, daß wir Alle darauf Unrecht haben können!

Drei Jahre später, 1963, begegnet sie uns in ›»‹Wahrheit› – ?«, seggt Pilatus, un grifflacht .....‹ erneut, diesmal ins Große Ganze gewendet:

Wo ist bloß der Staat, der sein Grundgesetz mit dem all=herrlichen Satz begönne:
›DIE WELT IST GROSS GENUG, DASS WIR ALLE DARIN UNRECHT HABEN KÖNNEN!‹?

Es kann sein, dass die Formulierung noch häufiger auftaucht, aber mehr Treffer wirft die aktuelle digitale Fassung der ›Bargfelder Ausgabe‹ auf die Schnelle nicht aus ;-).

Wie auch immer – diese schöne Formulierung ist wie gesagt gar nicht von Schmidt, sondern stammt (worauf Friedhelm Rathjen hinweist) von H. G. Wells. Der nämlich schrieb am 22. November 1928 an James Joyce einen Brief zum ›Work in Progress‹ (das elf Jahre später als ›Finnegans Wake‹ veröffentlicht werden sollte):

My warmest wishes to you, Joyce. I can’t follow your banner any more than you can follow mine. But the world ist wide and there is room for both of us to be wrong.

Ein Druckfehler in den ›Julianischen Tagen‹

Sonntag, 9. August 2009

Bei Buchfreund.de bietet das Antiquariat Fischbacher derzeit eine Erstausgabe von ›Trommler beim Zaren‹ an. Das wäre noch nicht bemerkenswert. Aber im hinteren Vorsatz findet sich ein Brief Arno Schmidts an den früheren Besitzer des Buches, Dr. Rolf Krengel, vom 11. Januar 1967:

Sehr geehrter Herr Dr. Krengel,

Ja, ›Julianische Tage‹ enthalten leider einen Druckfehler – der 18.1.1914, mein Geburtsdatum, sollte gemeint sein ( = ein Sonntag) Bezüglich meiner Übersetzungen hilft Ihnen vielleicht der beiliegende Informationsdruck, dem ich einiges hinzufügte, etwas weiter. – Mit freundlichem Gruß

Arno Schmidt

Kostenpunkt: 907,00 Euro inkl. Versand.

(Hinweis von Friedhelm Rathjen)

Wie die ›Gelehrtenrepublik‹ beinahe verfilmt worden wäre

Montag, 10. November 2008

Bernd Rauschenbach erzählte während des Arno-Schmidt-Lektüreseminars in Rendsburg beiläufig, dass es Pläne zur Verfilmung der ›Gelehrtenrepublik‹ gegeben habe. Und zwar vom Regisseur des Räuber Hotzenplotz, Gustav Ehmck. Allerdings habe ihm eine Art actionreiches SciFi-Spektakel vorgeschwebt, weshalb das Projekt über das erste Vorgespräch nicht hinauskam.

›Kaff‹, Ovid und Lafontaine

Freitag, 26. September 2008

In ›Kaff auch Mare Crisium‹ lassen sich Hertha & Tante Heete von Karl das Verhalten verliebter bzw. nicht-verliebter Jünglinge erklären. Karl zitiert dabei aus einer nicht genannten Quelle, nämlich »a’m lateinischn Buchche« (BA I, 3, S. 87 f.). Bei Lafontains ›Quinctius Heymeran von Flaming‹ stößt man – in der Ausgabe der ›Haidnischen Alterthümer (Frankfurt a. M., Zweitausendeins 2008, Bd. I, S. 108–110) – exakt auf die gleichen Zitate, in etwas anderer Reihenfolge und, natürlich, in anderer Orthographie. Bei dem »lateinischn Buchche« handelt es sich um Ovids ›De arte amandi‹, aus dem sich die Frau von Flaming vom Hauslehrer Beyer eben jene Merkmale vorlesen bzw. übersetzen lässt.

Ich gebe ein Beispiel:

: »Willsdu die Liebe aus des Jünglinx Brust vertreibm?: So laß ihn täglich 4 Mal die gelbe Tiber schwimmend durchmessen. Dann zähme er ein wildes Punisches Roß in dem Schtaube des Marsfelz 2 Schtundn lang. Dann laufe er mit seinen Freundn 2 Mal die große Rennbahn aus. Ein hartes Lager von einem Bärenfelle emmfange den Müden: ehe noch der Sonne goldene Schtrahlen die Thäler erleuchtn, wecke ihn aus den Armen des Schlafs zur Arbeit des vorijen Tages.«
BA I, 3, S. 88
Bei Lafontaine liest sich das so:
Beyer blätterte und las: »Willst du die Liebe aus des Jünglings Brust vertreiben, so laß ihn täglich viermal die gelbe Tiber schwimmend durchmessen. Dann zähme er zwei Stunden ein wildes Punisches Roß in dem Staube des Marsfeldes. Dann laufe er mit seinen Freunden zweimal die große Rennbahn aus. Ein hartes Lager von einem Bärenfelle empfange dann den Müden. Ehe noch der Sonne goldne Strahlen die Thäler erleuchten, wecke ihn aus den Armen des Schlafes zur Arbeit des vorigen Tages.«

Nun traue ich Schmidt natürlich zu, dass er Ovid gelesen hat – aber dass er genau die Ausschnitte zitiert, die auch Lafontaine zitiert, scheint mir doch sehr darauf hinzudeuten, dass Schmidt sie aus dem ›Quinctius‹ hat. Laut BVZ 246.18 trägt Schmids Exemplar des Romans einen Besitzervermerk aus dem Jahr 1956, Schmidt hat für ›Kaff‹ 1958/1959 Material gesammelt und die erste Fassung des Romans in einem erstaunlichen Kraftakt in nur fünf Wochen geschrieben (13. November bis 19. Dezember 1959).

Ob sich zwischen den ähnlich gelagerten Szenen bei Lafontaine und in ›Kaff‹ weitere, dem Verständnis förderliche Verbindungslinien ziehen lassen, weiß ich nicht. Dazu müsste man den Roman vielleicht doch komplett lesen – was ich, nach jetzt rund 180 Seiten, wahrscheinlich nicht tun werde. Es wäre doch mal schön, wenn in den ›Haidnischen Alterthümern‹ Romane neu aufgelegt würden, die eine Neuauflage und Lektüre auch lohnen.