Arno Schmidts Artikel in der NDB

Freitag, 13. Januar 2017

1959/1960 schrieb Schmidt drei Beiträge für die ›Neue Deutsche Biographie‹, und zwar zu Friedrich de la Motte-Fouqué, Samuel Christian Pape und Karl May. Ein vierter Beitrag zu Justus Erich Bollmann wurde zwar vereinbart, hier liegen aber nur einigen Exzerpte vor, einen entsprechenden Beitrag hat Schmidt nicht geschrieben. Der Beitrag zu Karl May wurde von der Redaktion nicht angenommen. Die beiden veröffentlichten Beiträge stehen auch online zur Verfügung:

Es gibt natürlich auch einen Beitrag zu Schmidt selbst, geschrieben von Bernd Rauschenbach:

scheinbar & anscheinend

Samstag, 7. Januar 2017

Zwischen »scheinbar« und »anscheinend« liegen bekanntlich ganze Bedeutungswelten. Da ist es einigermaßen verblüffend, dass Schmidt diesen Unterschied in seinem Werk immer wieder ignoriert (da er beide Wörter auch oft korrekt benutzt, kann man wohl davon ausgehen, dass ihm der Unterschied durchaus bewusst war). Warum macht er das? Darum:

Sie verkennen scheinbar – laut ›Duden‹ anscheinend: aber ich halte mich an die Umgangssprache; bzw. danach, ob ich ein zwei= oder dreisilbiges Wort im Text brauche […].
An Wilhelm Michels, 10. Februar 1959 (BWM, Nr. 117)

Dass er bei der Rechtfertigung seines nunja Fehlers gleich wieder einen macht und ein »danach« benutzt, wo man ein »daran« erwartet: das muss man wohl einfach hinnehmen.

Zündwurst

Samstag, 31. Dezember 2016

Am 10. Februar 1956 notierte Alice Schmidt in ihrem Tagebuch einen Besuch Wilhelm Michels. Man spricht über dies und das, und Arno Schmidt gibt Michels ›Geschichte auf dem Rücken erzählt‹ und ›Todesstrafe bei Sonnenschein‹ zu lesen, die Michels aber nicht recht zusagen. Bei ›Geschichte auf dem Rücken erzählt‹ erkennt Michels eines seiner Gastgeschenke wieder:

Er sagte: Ach da ist die Asbachflasche! Hier müssen wir vorsichtig sein. Herr Schmidt läßt das schnell mal erscheinen.

Was Schmidt umgehend bestätigt:

Arno: Jawohl, hier wird alles auf Kurzgeschichten verarbeitet!

Für diese umgehende Verarbeitung alltäglicher Bagatellen in Literatur liefert das Tagebuch wenig später ein hübsches Beispiel. Am 3. Mai notierte Alice Schmidt:

Dann keine V[orlesung], neues frz. Lexikon mit Sachs-Vilatte verglichen, ist doch auch im franz. Teil vieles anders. Auch älterer Wortschatz unverächtlich. Doch ein guter Kauf. Müssen auch viel lachen: Leitrinne in welcher die Zündwurst liegt: auget.

Drei Tage später, am 6. Mai, heißt es:

A […] schreibt Stürenburggeschichte ›Sonnenmetheor‹.

Gemeint ist die Erzählung ›Sommermeteor‹ – und in dieser Geschichte hat Schmidt den lustigen Fund aus dem Wörterbuch prompt verarbeitet:

Vorm Bücherregal. Ich griff eins heraus, dessen Farbe mir leidlich ins Gesicht fiel; dunkelgrüner Lederrücken mit hellgrünem Schildchen: ›J. A. E. Schmidt, Handwörterbuch der Französischen Sprache. 1855‹. Ich schlug aufs geratewohl auf, Seite 33: ›Auget = Leitrinne, in welcher die Zündwurst liegt‹ – ich kniff mich in den Oberschenkel, um mich meiner Existenz zu vergewissern: Zündwurst??!! (und dieses ›auget‹ würde ich nun nie mehr in meinem Leben vergessen; ein gußeisernes Gedächtnis ist eine Strafe!). –

Bleibt noch anzumerken, dass Schmidt, gußeisernes Gedächtnis hin oder her, das Wort »auget« anschließend nie wieder in seinem Werk benutzt zu haben scheint (die Volltextsuche der BA auf CD liefert exakt den einen Treffer in dieser Erzählung, das Register zu ›Zettel’s Traum‹ verzeichnet weder »auget«, noch »Leitrinne« oder »Zündwurst«).

»(das heiß’ ich mir doch einen Übergang!)«

Sonntag, 18. Dezember 2016

Die ›Rhein-Neckar-Zeitung‹ mit einer atemberaubenden Einleitung:

Wenn Sie schwere Literatur mögen, ist ›Zettels Traum‹ von Arno Schmidt ein guter Tipp. Das Monumentalwerk wird für 130 Euro angeboten, für die etwas bessere Ausstattung zahlen Sie 450 Euro. Wer es preiswerter haben will und weitaus bekömmlicher, der kann auf ›100 Jahre SV Sandhausen: Kleines Dorf – großer Fußball‹ ausweichen. Die 360 reich bebilderten Seiten in einem repräsentativen Einband bringen auch ihre drei Kilo auf die Waage. Schwere Literatur leicht gemacht.

Pur(t)zel

Samstag, 3. Dezember 2016

Am 1. Mai 1955 bekommt Minka, die Katze von Schmidts Nachbarn und Vermietern Neises in Kastel, vier Junge; eines davon behalten Schmidts – es ist ihre erste Katze. Am 10. Mai notiert Alice Schmidt in ihrem Tagebuch: »Ob wir’s Purtzel nennen?«, am 15. Mai hat man sich entschieden:

Purzel (so heißt er jetzt endgültig: kurfürstl. Hann. Salzgegenschreiber Purzel)

Purzel taucht immer wieder in Schmidts Briefen und Alice Schmidts Tagebüchern auf, wobei die Schreibweise des Namens zwischen »Purzel« und »Purtzel« schwankt. Am 25. Januar 1959 hat man sich wohl endgültig entschieden – an diesem Tag schreibt Schmidt an seinen Verleger Ernst Krawehl:

Auszug Brief Arno Schmidt Ernst Krawehl
(Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Arno Schmidt Stiftung.)

Die Katze begleitet Schmidts nach Bargfeld, wo sie am 5. Januar 1962 stirbt. Schmidt an Eberhard Schlotter, 19. Januar 1962:

Bei uns ist leider unser Purtzel am 5. gestorben – es ist immer schade um soviel Buntheit & Lustigkeit; (in einem kinderlosen Haushalt half er eben doch ›da=sein‹!). Also herrscht ausgesprochen Halbmast im Hause Schmidt.

Übrigens: Auch wenn Arno und Alice Schmidt in Bezug auf Pur(t)zel immer wieder von »er« reden – es war eine Katze, kein Kater.

»mein bisher (und für immer) umfangreichstes Stück«

Samstag, 19. März 2016

Da hat er sich aber ziemlich verschätzt:

Das ›Steinerne Herz‹ […] wird mein bisher (und für immer!) umfangreichstes Stück sein […].
Arno Schmidt an Günter Waldmann, 6. März 1956; zitiert nach dem Katalog Literatur 2012 der Autographenhandlung Stargardt.

Wie Arno Schmidt beinahe ›Lord of the Rings‹ übersetzt hätte

Freitag, 6. März 2015

Am 22. August 1966 erhielt Arno Schmidt eine Anfrage des Ernst Klett Verlages, ob er nicht ein Werk übersetzen wolle,

das in Deutschland zu veröffentlichen fast unmöglich ist … und doch sind wir zu dem fast Unmöglichen fast bereit. Das Werk ist eine gigantische Märcheninsel, die zu der Welt der Faerie Queene (und vielleicht auch zu Angria und Gondal) eine unterirdische Verbindung hat; es nennt sich THE LORD OF THE RINGS und hat einen Professor namens J.R.R.Tolkien zum Verfasser. Ob man diesen ernsthaften Schnickschnack eindeutschen kann, das hängt zunächst einmal davon ab, ob man einen Übersetzer findet, der sich die gewaltige Arbeit zutrauen kann; in Deutschland gibt es nur einen, der es könnte, und das sind Sie.

Schmidts Antwort vom 26. September ist nur als Entwurf im Bargfelder Archiv erhalten und wurde von Alice Schmidt geschrieben:

SgH Dr Arbogast,

Dank für Ihren Brief vom 22.8. – Ich weiß wohl von der Existenz des J.R.R.Tolkien’schen Riesenwerkes ›The Lord of the Rings‹ habe aber leider noch nie Gelegenheit gehabt, es zu lesen. – Nun ist es aber so, daß ich selbst ein umfangreiches großes Buch schreibe, und vermutlich noch das ganze nächste Jahr ganz ausschließlich daran arbeiten werde – so daß ich für absehbare Zeit an eine so große Übersetzungsarbeit nicht denken kann.

Vielleicht ergibt sich späterhin einmal eine Zusammenarbeit.

Mit vorzügl. Hochachtung

iA

Zitiert mit freundlicher Genehmigung der Arno Schmidt Stiftung.

Mir war das völlig neu; allerdings wies Friedhelm Rathjen in der ASml auf sein Buch ›Der Bücherfresser – Arno Schmidt als Wiederverwerter‹ aus dem Jahr 2009 hin. Dort findet sich das Kapitel »Zu lieb, als daß ich mich da plagen möchte – Fünfzig Bücher, die Arno Schmidt nicht übersetzte«, in dem natürlich auch ›Lord of the Rings‹ auftaucht.

Arno Schmidt, ›Das große Lesebuch‹

Sonntag, 24. November 2013

Wenn ein Buch den Titel ›Das große Lesebuch‹ besitzt, dann erwartet man nicht unbedingt ein 440-Seiten-Taschenbuch. In diesem Fall hatte der Herausgeber wohl keine Wahl, handelt es sich doch um einen Reihentitel und also um ein Vorgabe des Verlags. Doch der Titel ist auch schon das einzige kleine Ärgernis des Arno-Schmidt-Lesebuchs, auf dessen Cover Arno Schmidt den Leser in ungewohnt entspannter Mimik anlächelt. Bernd Rauschenbach hat eine gelungene Auswahl zusammengestellt, die das gewaltige Werk in seinen verschiedenen Facetten auf relativ engem Raum abbildet. Auf Kostenproben der ›Juvenilia‹ wurde dankenswerterweise verzichtet, das Spätwerk und die Funkessays fehlen wohl aus Platzgründen.

Die Anordnung der durchaus sehr unterschiedlichen Texte folgt dabei keiner chronologischen, sondern einer inhaltlichen Ordnung, wobei komplexe und den Einsteiger wohl eher ratlos zurücklassende Texte aus den „Ländlichen Erzählungen“ neben eingängigen Miniaturen aus den ›Stürenburg-Geschichten‹ stehen.

Die Sammlung gliedert sich in drei Abschnitte. Im ersten Teil finden sich sieben kürzere Texte wie ›Verschobene Kontinente‹ oder ›Seltsame Tage‹, aber auch die umfangreichere Erzählung ›Pharos oder von der Macht der Dichter‹ und vor allem das kunstvolle Kabinettstück ›Tina oder über die Unsterblichkeit‹.

Es folgen fünf Beispiele für Schmidts essayistisches Werk, darunter ›Der Platz, an dem ich schreibe‹ und die ›Dankadresse zum Goethepreis 1973‹.

Nach diesem eher behutsamen Einstieg in den erzählerischen Kosmos Arno Schmidts geht der dritte Teil (der mit  rund 280 Seiten mehr als die Hälfte des Lesebuchs füllt) in die Vollen. Hier finden sich zwar auch, wohl zur Auflockerung, eingängige, kurze Texte wie ›Trommler beim Zaren‹, ›Was soll ich tun‹ oder ›Die Wasserlilie‹, aber es überwiegen die längeren und deutlich komplexeren Erzählungen wie ›Schwarze Spiegel‹, ›Enthymesis oder W.I.E.H.‹, ›Seelandschaft mit Pocahontas‹ und ›Goethe und Einer seiner Bewunderer‹. Mit ›Kühe in Halbtrauer‹ und ›Die Abenteuer der Sylvesternacht‹ finden auch zwei anspruchsvolle Beispiele aus den ›Ländlichen Erzählungen‹ ihren Platz, in denen sich Thema und Erzählstrategie des verständlicherweise nicht vertretenen Spätwerks ankündigen.

Eingerahmt wird die Prosa-Auswahl durch zwei Gedichte (›Ich habe mich dem Leben nie verweigert‹ und ›Hundstagsspaziergang‹), ein knapper Abriss von Arno Schmidts Leben und Textnachweise bilden den Anhang.

Vermutlich würde jeder Schmidt-Leser eine jeweils andere Auswahl und eine andere Zusammenstellung wählen, aber Bernd Rauschenbach hat die fast unmöglich scheinende Aufgabe, Schmidts Werk für neugierige Leser zugänglich zu machen, deren Schmidt-Kenntnisse vor allem aus Feuilleton-Gerüchten bestehen, mit Bravour bewältigt.

Wenn Sie in Zukunft gefragt werden, was man von Schmidt denn lesen sollte, um einen Zugang zu dem völlig zu Unrecht als „schwierig“ verschrieenen Autor zu bekommen: dann drücken Sie den Fragenden einfach dieses Lesebuch in die Hand. Damit können Sie nichts falsch machen.

Arno Schmidt. Das große Lesebuch. Hrsg. v. Bernd Rauschenbach. Frankfurt/M.: Fischer 2013. 445 Seiten. ISBN 978-596-90555-3. 9,99 Euro

»Feenpalast«

Mittwoch, 20. November 2013

Aktuell lese ich ›Schwere Zeiten‹ von Charles Dickens (in der mäßigen Kindle-Edition und der mäßigen Übersetzung von Carl Kolb). Da heißt es zu Beginn von Kapitel 10:

Die Lichter in den großen Fabriken, die, wenn sie erleuchtet waren, wie Feenpaläste aussahen – wie die mit Luxus-Expreß-Reisenden wenigstens behaupten – waren sämtlich ausgelöscht, …

Bei den »großen Fabriken« handelt es sich um Webereien bzw. Textilfabriken allgemein.

Bei dieser Stelle fiel mir eine Passage ein, die ich in den ›Umsiedlern‹ verortete, dort aber nicht fand. Stattdessen wurde ich in ›Rollende Nacht‹  fündig (das ja wiederum ein separat veröffentlichter Auszug aus den ›Umsiedlern‹ ist):

Aber sie rettete mich selbst, als ihr Blick zufällig aus dem Fenster fiel: »Also wie ein Feenpalast!«. Die Fabrik war nämlich schon jetzt, um halb Sechs, über und über erleuchtet, sah aus ihrer ernsten Front hundertäugig in die Winternacht, und ich dachte – dachte: ich mußte ja vorsichtig sein! – wie es wohl in einem Kopf aussehen möge, dem beim Anblick eines Textilwerkes das Wort ›Feenpalast‹ einfiel: so eine darf nun auch wählen!
(BA I, 4, S. 121)

Ähnlich auch in ›Bedeutend; Aber …‹ (BA III, 3, S. 498), ›Dichter und ihre Gesellen‹ (BA III, 4, S. 419) und ›Zettel’s Traum‹ (BA IV, 1, S. 23).

Arno Schmidt und »Weimar«

Sonntag, 17. November 2013

Das Bändchen versammelt die zusammenhängende Texte Arno Schmidts, in denen es um die ›Weimarer Klassik‹ geht: ›Vorspiel‹ (aus ›Dya Na Sore‹), ›Wieland oder die Prosaformen‹, ›An Uffz. Werner Murawski‹, ›Goethe und Einer seiner Bewunderer‹ und ›Herder oder vom Primzahlmenschen‹.

Im einleitenden Essay ›Die Konstellation Weimar‹ zeichnet Jan Philipp Reemtsma die Entwicklung nach, die aus dem eher verschlafenen Provinznest Weimar eine wirkmächtige ›historisch-normativen Bezugsgröße‹ des literarischen Lebens werden ließ. Im zweiten Teil seines Essay stellt er dann Arno Schmidts Funkessays vor und geht ausführlich darauf ein, dass ausgerechnet Schiller fehlt, dem Schmidt in seinen frühen ›Dichtergesprächen‹ noch nicht einmal einen Platz im Elysium zubilligt.

Das Büchlein lässt mich etwas ratlos zurück. Schmidt-Lesern bietet es wohl kaum Neues, wer Schmidt noch nicht kennt, wird ihn durch die Fokussierung auf die doch recht spezielle Frage, wie Schmidt es denn nun mit ›Weimar‹ hielt, auch nicht unbedingt kennenlernen.

Arno Schmidt, ›»Na, Sie hätten mal in Weimar leben sollen!«. Über Wieland – Goethe – Herder‹, hg. v. Jan Philipp Reemtsma, Stuttgart, Reclam 2013 [= RUB 18979]