»Was hat Herr Schmidt eigentlich gewählt?«

Montag, 6. September 2021

Demnächst ist Bundestagwahl. Da kam bei Twitter eine Frage auf:

Was hat Herr Schmidt eigentlich gewählt; weiß man das? Die Adenauer-Partei ja höchstwahrscheinlich nicht.

Ich habe diese Frage mal zum Anlass genommen, ein wenig im Regal und vor allem der eBA zu stöbern.

Die CDU hat Schmidt natürlich nie gewählt, aber was sonst? Und hat er überhaupt gewählt? Eine erste Antwort gibt Alice Schmidt, die am 14. August 1949 in ihrem Tagebuch notiert:

Gehen wählen zur Bundestagswahl & wählen Li. 1 (SPD) auf Chaussee z. Post ist fast an jeden Baum ein Wahlplakat geklebt. CDU strengt sich mächtig an, aber SPD übertrumpft durch rotes Transparent über d. Straße; […].
Alice Schmidt, ›Tagebücher der Jahre 1948/49‹, S. 127 f.

Für die nächsten Wahljahre liegen leider keine Tagebücher im Druck vor, aber es gibt ja noch das Werk. Nun muss man sich natürlich davor hüten, Werk und Leben einfach zusammenzuwerfen, aber die politischen Aussagen der Ich-Erzähler dürften wohl mit den politischen Ansichten ihres Autors ziemlich deckungsgleich sein.

Im Mai 1952 schrieb Schmidt ›Die Umsiedler‹. Hier räsoniert der Ich-Erzähler:

»Soll doch Jeder zwei Kinder weniger haben! Da wird sogleich Raum für Gehölze, und der Hunger hört auch auf! Kein Krieg, kein Elend mehr! Meine Stimme kriegt die Partei, die gegen Wiederbewaffnung und für Geburtenbeschränkung ist!«. »Also keine?«. »Also keine.«

Nach Niederschrift der ›Umsiedler‹ änderte sich allerdings die politische Landschaft – zumindest ein wenig. Denn im Wahljahr 1953 trat erstmals die Gesamtdeutsche Volkspartei (GVP) an.

Die GVP wurde im November 1952 als Reaktion auf die Wiederbewaffnungspläne der Adenauerregierung von Gustav Heinemann, Helene Wessel und anderen gegründet und forderte etwa die »sofortige Beseitigung der Aufrüstung zweier deutscher Armeen in West- und Ostdeutschland« – eine Forderung, die Schmidt fraglos rückhaltlos unterstützte. Auch wenn die Geburtenbeschränkung, an die der Ich-Erzähler der ›Umsiedler‹ seine Wahlentscheidung knüpft, natürlich nicht zum Programm der GVP gehörte, so dürfte ihr entschiedener Widerstand gegen die Wiederaufrüstung (für Schmidt wohl die innenpolitische Kastastrophe) den Ausschlag gegeben haben, und es kann kaum überraschen, dass Schmidt, so Susanne Fischer, »auch mal Heinemanns GVP gewählt« hat.

Diese Wahlentscheidung findet auch prompt ihren Niederschlag im Werk. Vom Juil bis Oktober 1953 arbeitete Schmidt an ›Seelandschaft mit Pocahontas‹. Und dort heißt es:

»Bloß pollietisch mußte im Augenblick ganz vorsichtich sein – na, ich geb Je’m recht: und wähln tu ich doch, was ich will!« (und vertraulichneugierig, ganz wie früher, im Flüsterton des Dritten Reiches): »Was hälstn Du davon?«. Ich zuckte die Achseln; war kein Grund, das vor ihm zu verbergen: »Auf Landesliste Gesamtdeutsche Volkspartei; im Kreis SPD: Wer mich proletarisiert, muß damit rechnen, daß ich ooch noch Kommune wähl’!«

Für das Wahljahr 1957 habe ich jetzt vorderhand keine Hinweise auf Schmidts konkretes Wahlverhalten gefunden (was natürlich nicht heißt, dass es sie nicht gibt), aber für das nächste Wahljahr – 1961 – gibt es eine konkrete Aussage, nämlich Schmidts Antwort auf einen Fragebogen der ›Zeit‹:

13. Welcher unserer politischen Parteien gäben Sie den Vorzug (Wahlgeheimnis wird gewahrt!)?
Einer Partei, ›links‹ von der SPD, ›rechts‹ von den Kommunisten. Am 17.9.61 war’s die ›Deutsche Friedens=Union‹.

Warum wählte Schmidt 1961 nicht die GVP? Ganz einfach: Die Partei hatte sich 1957 bereits wieder aufgelöst. Für die 1960 gegründete DFU entschied sich Schmidt vermutlich wegen ihrer Ablehnung von Atomwaffen und der Unterstützung des Rapacki-Plans, den Schmidt gelegentlich begrüßte:

Nochmals Dank & Gruß!: Es lebe der Rapacki–Plan!
An Hans Wollschläger, 23. Oktober 1959 (Briefe IV, S. 199)
Heute soll die Tass das erste Foto von der Mond=Rückseite gebracht haben: es lebe der Rapacki=Plan!
An Wilhelm Michels, 27. Oktober 1959 (Briefe II, S. 134)
Der Rapacki-Plan
23. November 1959 als Antwort die Frage, was ihn »im letzten Jahr am meisten […] gefreut« habe (BA Sup 2, S. 201)

Für die folgenden Wahljahre werden die Belege dünner und es scheint, als habe Schmidt sich zum Nichtwähler entwickelt.

1970 unterhält er sich sehr ausführlich mit Gunnar Ortlepp über ›Zettel’s Traum‹. Im selben Jahr wurde das Wahlalter von 21 auf 18 Jahre gesenkt – eine Entwicklung, die Schmidt überhaupt nicht zusagte:

Sehen Sie, wenn ich mir das so vorstelle, das Wahlalter wird neuerdings auf 18 Jahre heruntergesetzt, ja, also ich kann das immer gar nicht gut mit anhören, ich meine ich bin auch jung gewesen, ich als 18jähriger junger Mensch hätte mich einfach zum Wählen nicht für reif gehalten, ich habe das mit 21 noch nicht getan, heute würde ich sagen, also man muß so fünf- oder sechsundzwanzig Jahre alt sein, um überhaupt wählen zu können, da hat man ein schon ein bißchen eine Art von Menschenverstand,

Doch nicht nur das Wahlalter schien Schmidt zu niedrig – er störte sich auch daran, dass es keine Obergrenze gibt. Er fährt fort:

wohlgemerkt, ich ergänze es dadurch – diese Einstellung, die vielen jungen Leuten hart erscheinen wird – daß ich sage, jetzt von der anderen Seite her betrachtet, mit 60 müßte jedes Wahlrecht, sowohl das aktive wie das passive, also das zu wählen wie auch das gewählt zu werden, schlicht erlöschen.

Und kommt dann zum naheliegenden Schluss:

Ich selbst habe für mich diese Konsequenz längst insofern gezogen, als ich nicht mehr wählen gehe seit ungefähr fünf, sechs Jahren und von Wählenlassen ist überhaupt gar keine Rede, erstens tritt niemand an mich heran, und zweitens würde ich es auch dann noch ablehnen.

Im letzten, unvollendeten Werk ›Julia‹ sagt Ekkehard Rauch (»weitgereist, absoluter Skeptiker«) schließlich:

Nein, ich geh nicht wählen; I do’nt belong to the voting sort.«

Dieses Statement kann man wohl, bei aller gebotenen Vorsicht, getrost auf den späten Arno Schmidt übertragen.

Was also hat Herr Schmidt gewählt?: Anfangs die SPD. Dann linke Kleinparteien (wobei Schmidt wohl nicht »links«, sondern vor allem gegen alles Militärische war). Dann überhaupt nicht mehr.