Das Brockengespenst

Samstag, 3. Oktober 2020

Am 1./2. Januar 1963 besuchte Hans Wollschläger Arno Schmidt in Bargfeld. Zu diesem Besuch legte Schmidt ein Protokoll an, in dem er sich die Neuigkeiten zu Karl May notierte, die er von Wollschläger erfahren hatte. Unter Punkt 12 heißt es da:

Eine frühe Bekanntschaft aus den Jahren 1884 ein tauber Ingenieur namens Nehse: dessen Name erscheint im GEIST; denn er war der Sohn jenes ›Brockenwirtes‹, der das ›Brockengespenst‹ erklärt hat! Die Beiden unterhielten sich mit Hülfe eines sogen. ›Konversationsbuches‹ und das ist samt zahlreichen interessanten Marginalien erhalten. Hier schon die Bildung OS=KBN und ihrer Taten & Vielsprachigkeit zu verfolgen. (Das ›brockengespenst‹ sah übrigens SILBERSCHLAG 1780 zum erstenmale; d.h. beschrieb es.)
Briefe IV, S. 932

Wollschlägers Information hinterließ prompt Spuren in Schmidts Werk. Im März 1963 schrieb er ›Die Abenteuer in der Sylvesternacht‹. Darin heißt es:

Was iss=iss für Schnee?: stammt er aus tiefer Luft, vom Dümmer her? Kommt er vom Harz, wo das Gespenst brockt, nehst & silberschlackt?

Das »Brockengespenst« ist ein optisches Phänomen, das erstmals von Johann Esaias Silberschlag (dessen ›Geogonie‹ in ›Kaff‹ eine große Rolle spielt) beschrieben wurde. May erwähnt das Brockengespenst und Nehse in ›Der Geist des Llano estakata‹ (1888):

Er setzte sich zu Fred. Dieser meinte lächelnd:

»So groß braucht dein Entsetzen nicht zu sein. Die Erscheinung, welche wir hatten, läßt sich vielleicht auf ganz natürlichem Wege erklären. Denke doch nur an das Brockengespenst, dessen Entstehung der Brockenwirt Nehse so überzeugend nachgewiesen hat!«

»Nehse? Den kenne ich ooch. Sein Sohn is een berühmter Civilingenieur und wohnt in Blasewitz. Er hatte die Ehre, mich off eener Landpartie nach Moritzburg zu treffen und mir grad über das Brockengeschpenst seinen achtungsvollsten Vortrag zu halten. Das is eene harzreiche Lufterscheinung, halb Ozon und halb Sauerschtoff, die sich in der Atmosphäre niederschlägt und dann vom Nebel in glühende Hagelkörner offgelöst wird. […]

KMW, III, 1, S. 540