Wielands Grab; oder: Schmidt-Leser sind eben doch gute Menschen

22. Oktober 2011, 20.47 Uhr | Giesbert Damaschke
Efeublatt von Wielands Grab, gepflückt von Arno Schmidt, Wu Hi?, S. 124

Verschwunden & wieder aufgetaucht

Am 11. Oktober wusste Bernd Rauschenbach den Lesern der ASml schlimme Dinge zu berichten:

Seit 1984 zeigen wir, nach Voranmeldung, Einzelbesuchern und Gruppen das Schmidtsche Wohnhaus. 27 Jahre lang ist bei diesen Führungen nichts gestohlen worden. […]

Jahrzehntelang lag auf der Wieland-Ausgabe im Regal über Schmidts Schreibtisch ein postkartengroßes Kartonstück, auf dem ein s/w-Fotodruck von Wielands Grab und ein getrocknetes Efeublatt geklebt sind; mit Tinte beschriftet in Schmidts Vorkriegs-Handschrift: „Gepflückt von / Wielands Grab / im Mai 1939 / Arno Schmidt“ (abgebildet in „WuHi?“ S. 124)

Dieses Kartonstück liegt dort nicht mehr. Es muß, wie wir vorhin bemerkten, in den letzten Wochen gestohlen worden sein.

Rauschenbach war über den Missbrauch des Vertrauens, das die Stiftung jedem Besucher entgegenbringt, merklich deprimiert und redete, in der Hoffnung, er könne ihn über die ASml erreichen, dem Dieb ins Gewissen:

Sollte also (ich weiß, es ist unwahrscheinlich) einem ASML-Teilnehmer zu Ohren kommen, wo sich das entwendete Stück befindet, wäre es schön, wenn er versuchen könnte darauf einzuwirken, daß uns das Stück (anonym und gut verpackt) zurückgegeben wird.

Und das Wunder geschah: eine Woche später, am 19. Oktober, erreichte folgende Jubelmail die Liste:

O happy day !
Ich weiß zwar nicht, wie es dazu gekommen ist – – – aber das Efeublatt ist wieder in Bargfeld. Ein anonymer Entwender ist zum anonymen Rücksender geworden. Schmidt-Leser sind eben doch gute Menschen.