Wie Arno Schmidt einen Brief Karl Mays erfand

20. Februar 2017, 14.05 Uhr | Giesbert Damaschke

In Schmidts Dialog ›Abu Kital‹ aus dem Jahr 1957 findet sich – BA II, 2, S. 50 – folgendes vorgebliches Zitat aus einem Brief Karl Mays vom 14. Oktober 1902, in dem May angeblich Nietzsches Sprache zu recht »schulmeistert«:

Können Sie Jemanden bewundern, der es fertig bringt, zu schreiben (jetzt breit leiernd): ‹Die Naturwissenschaft der Tiere bietet ein Mittel, diesen Satz wahrscheinlich zu machen›? (wieder normale Stimme): Statt ‹Naturwissenschaft der Tiere› müßte es doch wohl zumindest ‹Naturwissenschaft von den Tieren› heißen; aber selbst so: wo lebt der Mensch, dem dafür nicht ‹Zoologie› einfiele? Dann weiter; sie ‹bietet ein Mittel›?: er meint wohl: ‹sie bietet Material dar›? Auf gut Deutsch jedenfalls hieße Nietzsches Schwulst: ‹Die Zoologie könnte vielleicht Beweismaterial liefern› – und das ist Einer, der von sich rühmt, ‹an einer Seite Prosa zu arbeiten, wie an einer Bildsäule›?!«

An wen dieser Brief gerichtet gewesen sein soll verrät Schmidt ebenso wenig wie den Fundort. Nun ist es zwar nicht unmöglich, dass Schmidt 1957 einen Brief Mays in die Finger bekommen hat, dem er das Zitat entnahm – aber es ist doch ziemlich unwahrscheinlich. Auch irritiert der knappe, pointierte Tonfall. Obendrein wäre dieser Brief wohl die einzige Stelle, an der May die Wörter »zumindest« und »Schwulst« benutzt, die sich ansonsten im Gesamtwerk nicht nachweisen lassen. Kurz: das Zitat passt einfach nicht zu Karl May – wohl aber zu Arno Schmidt.

Hans-Rüdiger Schwab bringt in seiner Untersuchung zu May und Nietzsche zwar dieses Zitat, schränkt in einer aufschlussreichen Fußnote seine Validität aber deutlich ein:

Hans Wollschläger hält diesen Brief »für eine Erfindung Schmidts, der mir auf Fragen nach der Quelle immer ausweichend antwortete; er hat ja auch ganz ähnlich einen Brief Nietzsches fingiert und liebte solche Fiktionen. In seinem Nachlaß ist jedenfalls keine Spur davon zu finden, wie er an ein solches Schriftstück gekommen sein könnte.« (Brief an den Verf. v. 21. 1. 2001).

Auch wenn Schwab sich etwas irritiert zeigt: Da wird Hans Wollschläger wohl ganz einfach recht haben – diesen Brief hat Schmidt schlicht erfunden.

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Ein Kommentar zu Wie Arno Schmidt einen Brief Karl Mays erfand

Josh
24. Juli 2017, um 5:57

Aber die Idee, dass sie – beide mit gewissem Narzissmus ausgestattet – sich aneinander gestoßen hätten, wo sie doch so unterschiedliche Übermensch-Konzepte/-Fantasien entwickelten, ist unter psychodynamischem Aspekt betrachtet gar nicht so abwegig. 😉

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