Schmidt und Doderer

3. Mai 2016, 9.38 Uhr | Giesbert Damaschke

Ob Arno Schmidt den älteren Zeitgenossen Heimito von Doderer zur Kenntnis genommen hat, ist unklar. In „Zettel’s Traum“ gibt es zwar eine Handvoll Anspielungen und Namensnennungen, aber ob es sich dabei tatsächlich um Lektüreerträge oder eher zufällige Funde aus anderen Kontexten handelt, ist derzeit noch nicht zu entscheiden. In der Nachlassbibliothek findet sich jedenfalls kein Buch von Doderer.

Aber in der Doderer-Gesellschaft gibt es hinreichend viele Schmidt-Leser, dass Gerald Sommer, Präsident der Doderer-Gesellschaft, auf die Idee kam, für 2017 eine Veranstaltung zu den beiden Autoren zu planen. Wer sich für die Veranstaltung interessiert oder gar Inhaltliches beisteuern kann und mag, der wende sich vertrauensvoll an Gerald Sommer. Die Kontaktdaten finden sich auf der Webseite der Gesellschaft.

Nebenbei: Doderer war eines meiner Prüfungsthemen – aber bislang bin ich nie auf die Idee gekommen, zwischen diesen beiden Lieblingsautoren von mir eine Verbindung zu sehen.

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2 Kommentare zu Schmidt und Doderer

Ulrich Böhme
27. Januar 2017, um 11:04

Hier einige zufällige Trouvaillen aus meiner AS und Doderer Lektüre. Verwendens Sie sie nach Gutdünken mit entsprechender Fußnote.
Sollte der Kongress stattfinden bitte ich um Nachricht.
U.B.

Hier werden Fundstellen gesammelt, aus dem Werk der beiden Autoren und der Sekundärliteratur, die eine literarische Beziehung nahe legen, behaupten oder als möglich erscheinen lassen. – Am liebsten wäre es uns, wenn zwei sehr bedeutende Autoren deutscher Sprache im jeweils eigenen Werk diskret gegenseitiger Hochachtung sich versicherten.

Jürgen Busche, Die Welt aus Literatur, FAZ 18.1.1974, abgedruckt in Über Arno Schmidt II, Zürich 1987, p.249 behauptet die Nähe zu D.; keine Belege

ders., Eidyllion – das heißt kleines Bildchen. Über Arno Schmidt und Heimito von Doderer. In Drews/Bock (Hg.), Der Solipsist in der Heide. Materialien zum Werk Arno Schmidts, München 1974, S.90-110
Frugale Abhandlung zum Konservatismus in der Literatur seit Homer. Schmidts Kosmas wird dem Hellenismus zugeordnet. – Unbrauchbar.

Doderer: „[…] es würde das Reden zwischen den Paaren überhaupt abkommen, nur so eine Art Tast- Sprache würde bleiben, wie bei Insekten, die durch ihre Fühler miteinander reden, eine Insektensprache …“ – Strudlhofstiege, 498
Schmidt: angedeutet in Goethe, BA I.2, „Pantex“ Projekt (210ff) „Trillersprache […] in die Handteller des Partners“ (212f)

Doderer: „der Thorax blasbalgt“, Strudlhofstiege, 669
„[…] mit diesem unverwüstlich blasbalgenden Thorax […]“ – Strudlhofstiege, 703
Schmidt:

Doderer: „löchelnden und lächelnden Mundes“ – Strudlhofstiege, 716
Schmidt: „Ins Land des Löchelns?“ – Schule, Frankfurt: S.Fischer, 1972, 140
„… Mäulchin … ein ungläubig löchiln zu unterdrükkn“ – Schule, 153ru

Doderer: „Sie stürzten eins ins andere ab, einander in die Arme. Thea […] war völlig
fessellos. „Du, du, du …“ – Strudlhofstiege, 855
Schmidt: Individuelle Namen werden reduziert „(ja, id gernsogenannten Momentn höherer
Begeisterunc auf ein verda/ummt simplis ‚DU!‘)“ – Schule, Frankfurt: S.Fischer, 169
mr

siehe auch Umsiedler, S. 291

Schmidt: „ am Ende ist es eine reine=Gemeinheit“ – Schule, 99f
Doderer: Strudlhofstiege, passim

Doderer: „von einem an der Wand hängenden Bild – eine Landschaft mit zwei Hügeln und einem Wald, der sich dazwischen hineinzog – geradezu faszinierende Wirkung “ – Grenzwald129
Schmidt: Sitara

Mein Beitrag auf der Pinwand der GASL Website:

(17) Ulrich Böhme
Sat, 22 September 2012 12:22:11 +0200

v.Doderer – Schmidt
Die Ursachen und Folgen anthropomorpher Darstellungen, die uns Schmidt 1963 in Sitara vor Augen führt, finden 1967 ein Echo in Doderes unvollendetem Roman Nr.7, Zweiter Teil, Der Grenzwald, S.128 f, München, 2.Aufl. 1973.
In einem damals noch gemütlichen Lager für kriegsgefangene k.u.k. Offiziere in Russland zeigt das Kaffee-Service „Darstellungen von Schäferszenen (,mit rundlichen Frauenspersonen’ […] )“ , deren Wirkung auf die Mitgefangenen von dem Protagonisten noch ganz einfach zu ertragen waren. Aber wenn ihm „ […] sodann zugemutet wurde zu begreifen, dass von einem an der Wand hängenden Bild – eine Landschaft mit zwei Hügeln und einem Wald, der sich dazwischen hinzog – geradezu faszinierende Wirkungen jedes Mal ausgingen, sobald die gold-violetten Kaffeetassen im Gebrauch standen […]“ (meine Unterstreichung) wird es ihm dann doch zu bunt.
Man vergleiche Schmidts Skizze, Bargfelder Ausgabe III.2, nach S.282.

Schmidt: „Er pedipulierte mit solcher Geschicklichkeit […]“ – Umsiedler, BA I.1, 141
genauso in Brand’s Heide, BA I.1, 14
Doderer: [evtl. in Merowinger? – leider nicht]

Ein möglicher Berührungspunkt könnte Doderers Liebe zu Karl May, von Kindheit an, sein. Verg. Fleischer, Heimito von Doderer, Das Leben … in Fotos und Dokumenten, Wien 1995, S. 114 (hier mit Bezug zum Bogenschiessen)

Spielt Doderers norwegische Kriegsgefangenschaft eine Rolle? Bei Kriegsende war er in N. stationiert. – Auch A.S. bis 1944 in N.

„Schmidts Faible für gebildete Handwerker“ B.Rauschenbach in A.S. Bildbiographie, 2016, S.10. Wenn Rauschenbach das sagt, muss wohl was dran sein. Mir fällt dazu nur Erich Kendziak aus Pokahontas ein; – Ob der aber mit Leonard Kakabsa aus den Dämonen sich berührt?

Schmidt: „Beim Döderlein!“ –Abend, Frankfurt: S.Fischer, 1975, Seite 10. Das muss noch nichts bedeuten. Allerdings geht es einige Zeilen später weiter: „Egg von Phalluhely, ‚Mesenerzähler‘: ungarisch ‚mese‘ = Märchen“
Doderer: In Die Dämonen heißt ein Ungar Imre Gyurkicz von Faddy und Hátfaludy. – Wenn das ein Zufall( womöglich Zuphall) ist!

Ulrich Böhme
12. März 2017, um 17:48

EINZIGE FORTSETZUNG

Bei währender ABEND Lektüre vertiefte sich der Eindruck, dass SCHMIDT auf DODERER sich beziehen könnte:

SCHMIDT: Abend Seiten 56, Z.2 und 88 m/m, erscheint, völlig unvermittelt, eine Etelka Meyer. Der Vorname ist im Deutschen so ungewöhnlich wie der Nachname ordinär. Also Obacht!
DODERER: In der Strudlhofstiege ist Etelka Grauermann geb. Stangeler ein tragischer Charakter.

Am 18.2.1956 las Arno Schmidt öffentlich in Wilhelm Michels Schulhaus; vergl. dessen Aussage im Gespräch mit Drews (BB 83-84, 1.10.1984). Am selben Ort erwähnt Michels, dass Doderer auch in dieser Lesereihe auftrat; leider nennt M. kein Datum.

Nachtrag zum Stichwort „löcheln“: in Schmidt, Abend auf der Seite 81 ur: „Sie löchelten ob all der verhalt’nen Ständer“ und S.83 or : „corpulenten Löchelns“

Nachtrag zu „intelligente Handwerker“: Schmidt, Abend 106u: Handwerker, „ die ich ‚achten’ gelernt habe; (d.h. as far as it goes)“

Ohrfeigen
in MEROWINGER reichlich ausgeteilt, auch in ABEND:
„…2Ohrfeigen, jede eine Hand lang, die den Ochsen Apis niederwürfen“ S.199 lm
„…Maulschellen mit beiden Händen, überkreuz“ – diese als „ungarisch“ bezeichnet; S.210u

Ein Leibzwerg, man denkt an Wenzrödel, in ABEND, S.211

Antropomorphe Landschaften in NORWEGEN, ABEND 210u

Das wars. Die aufwändige und gleichzeitige Lektüre von Werken Doderers und Schmidts halte ich nicht mehr aus. Auch lässt das Gedächntnis doch sehr nach.
Mögen andere, die das Leben nicht achten, sich mit dem Thema beschäftigen.

Over and out

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