Zahnärzte

10. März 2017, 12.40 Uhr | Giesbert Damaschke

»… jeder schöngeistige Zahnarzt ist ernsthaft der Meinung, er sei dem Künstler über, weil er ihn ablehne …«

Kurt Tucholsky, ›Die Aussortierten‹ (1931)

»Arno Schmidt: Eine Wildsau im Acker unserer deutschen Sprache!«

Dr. Hans Spierling, Zahnarzt (Leserbrief im ›Spiegel‹ 23/1959)

»Ich versetzte dem Namensschild des Inhabers, freilich war es ein Zahnarzt, einen komplizierten Tritt, und verließ das Lokal.«

Arno Schmidt, ›Schwarze Spiegel‹ (1951)

Schmidt erfindet einen Brief Nietzsches

21. Februar 2017, 14.39 Uhr | Giesbert Damaschke

Ein kleiner Nachtrag zum gestrigen Beitrag. Dort zitiere ich aus einem Brief von Hans Wollschläger, in dem er schreibt, Schmidt habe »ganz ähnlich« wie beim erfundenen May-Brief »einen Brief Nietzsches fingiert«. Das wollte ich doch gern einmal etwas genauer wissen und habe die digitale BA nach Nietzsche-Nennungen bzw. einem Zitat aus einem Nietzsche-Brief durchsucht. Da gibt es nur eine passende Fundstelle (›Aus dem Leben eines Fauns‹, BA I, 1, S. 307):

Ich schlug die biegsame blaue Kröner-Ausgabe auf, und las den Brief, den Friedrich Nietzsche 1891 von der Hebrideninsel Skye an Jakob Burckhardt gerichtet hat: »….. Am Strande, zwischen Planken und anderem stürmisch gekrümmtem Holz, und ein ganzer Himmel von Seesternen wimmelt langsam um mich Schreibenden her: wir bauen die Drachen nun doch ohne furchtsames Verdeck; am ersten Mast wallt schon die Segeldecke mit scharfer roter Borte. – Zwei der Boote werden vorausfahren, als Spähtrupp, als Raben, als Templeisen. Ich, Führer des Haupttreffens, folge wenige Tage später mit den restlichen sechs Schiffen: mein nächstes Lachschreiben (sic!), Freund, wirst Du bereits aus Helluland erhalten, sobald wir die Baustellen für unsere shanties uns auserlesen haben …..« (dann wirrte sich aber der Text, und ich schlug die Seite um, und geriet in Fragmente und Notizen, bis ich erwachte. – Geschieht mir oft, so in Büchern zu blättern. Aber komisch, wo ich N. doch sonst nicht verknusen kann!).

Dieser Brief ist offensichtlich eine Erfindung: 1891 – zwei Jahre nach seinem Zusammenbruch in Turin – war Nietzsche nicht auf Skye, sondern bei seiner Mutter in Naumburg. Aber Wollschlägers Vergleich mit dem fingierten May-Brief ist ein wenig schief. Bei der ›Faun‹-Stelle handelt es sich um eine Fiktion innerhalb einer Fiktion, die obendrein auch als Übergang in den Schlaf gelesen werden kann, der Brief also gar nicht zitiert, sondern vom Ich-Erzähler geträumt wird (wozu auch der Tonfall passt, der an ›Enthymesis‹ oder ›Gadir‹ erinnert). Beim Essay ›Abu Kital‹ setzt Schmidt die Brief-Fiktion dagegen als Beweismittel ein – aber vielleicht ist der erfundene May-Brief auch nur ein Signal mehr, dass man Schmidts Radio-Essays nicht mit literaturwissenschaftlicher Elle messen sollte.

Vermutlich ist das eine alte Kamelle und steht wohl schon in Dieter Kuhns ›Kommentierendes Handbuch zu Arno Schmidts Roman »Aus dem Leben eines Fauns«‹, München 1986, das ich nicht zur Hand habe. Sei’s drum.

Wie Arno Schmidt einen Brief Karl Mays erfand

20. Februar 2017, 14.05 Uhr | Giesbert Damaschke

In Schmidts Dialog ›Abu Kital‹ aus dem Jahr 1957 findet sich – BA II, 2, S. 50 – folgendes vorgebliches Zitat aus einem Brief Karl Mays vom 14. Oktober 1902, in dem May angeblich Nietzsches Sprache zu recht »schulmeistert«:

Können Sie Jemanden bewundern, der es fertig bringt, zu schreiben (jetzt breit leiernd): ‹Die Naturwissenschaft der Tiere bietet ein Mittel, diesen Satz wahrscheinlich zu machen›? (wieder normale Stimme): Statt ‹Naturwissenschaft der Tiere› müßte es doch wohl zumindest ‹Naturwissenschaft von den Tieren› heißen; aber selbst so: wo lebt der Mensch, dem dafür nicht ‹Zoologie› einfiele? Dann weiter; sie ‹bietet ein Mittel›?: er meint wohl: ‹sie bietet Material dar›? Auf gut Deutsch jedenfalls hieße Nietzsches Schwulst: ‹Die Zoologie könnte vielleicht Beweismaterial liefern› – und das ist Einer, der von sich rühmt, ‹an einer Seite Prosa zu arbeiten, wie an einer Bildsäule›?!«

An wen dieser Brief gerichtet gewesen sein soll verrät Schmidt ebenso wenig wie den Fundort. Nun ist es zwar nicht unmöglich, dass Schmidt 1957 einen Brief Mays in die Finger bekommen hat, dem er das Zitat entnahm – aber es ist doch ziemlich unwahrscheinlich. Auch irritiert der knappe, pointierte Tonfall. Obendrein wäre dieser Brief wohl die einzige Stelle, an der May die Wörter »zumindest« und »Schwulst« benutzt, die sich ansonsten im Gesamtwerk nicht nachweisen lassen. Kurz: das Zitat passt einfach nicht zu Karl May – wohl aber zu Arno Schmidt.

Hans-Rüdiger Schwab bringt in seiner Untersuchung zu May und Nietzsche zwar dieses Zitat, schränkt in einer aufschlussreichen Fußnote seine Validität aber deutlich ein:

Hans Wollschläger hält diesen Brief »für eine Erfindung Schmidts, der mir auf Fragen nach der Quelle immer ausweichend antwortete; er hat ja auch ganz ähnlich einen Brief Nietzsches fingiert und liebte solche Fiktionen. In seinem Nachlaß ist jedenfalls keine Spur davon zu finden, wie er an ein solches Schriftstück gekommen sein könnte.« (Brief an den Verf. v. 21. 1. 2001).

Auch wenn Schwab sich etwas irritiert zeigt: Da wird Hans Wollschläger wohl ganz einfach recht haben – diesen Brief hat Schmidt schlicht erfunden.

Bargfelder Bote, Lfg. 408-409

9. Februar 2017, 16.42 Uhr | Giesbert Damaschke

Die neue Lieferung des Bargfelder Boten ist erschienen. Inhalt:

  • Thomas Eichhorn: »Feine Psychologica«. Arno Schmidt über Wilkie Collins
  • Lenz Prütting: Offener Brief an Günther Flemming in Sachen »Pharos«
  • Friedhelm Rathjen: Hinweis auf Holger Hattesen. Mit Informationen von Anni Bøgh Hattesen
  • Kai U. Jürgens: Der defekte Rest [Rezension der ›Bildbiographie‹]
  • Gehört, gelesen, zitiert
  • In letzter Zeit ist erschienen und zu unserer Kenntnis gelangt

Was Schmidt am 21. März 1962 im Fernsehen gesehen hat

7. Februar 2017, 18.07 Uhr | Giesbert Damaschke

In ›Sitara und der Weg dorthin‹ notiert Schmidt zu einem Bild von Sascha Schneider:

Blatt 9 bringt den, (neulich auch televisionär=schwebenden) WINNETOU; bei dessen Anblick ein plattdeutsch=hiesiger Dorfknabe – bis dahin leidenschaftlicher MAY=Verehrer entrüstet aufschrie: ‹Dat iss ja ’n Mäkn!›; was mir in seiner naiven Voxpopulität & als ‹erste Reaktion› immerhin beachtlich & festhaltenswert erschien.

Diese Sendung erwähnt Schmidt auch in einem Brief an Hans Wollschläger vom 22. März 1962:

Gestern, bei der Television des schwebenden W. rief ein unbefangener ›Seher‹: ›Dat iss ja’n Meeken!‹ – Wie wahr, wie wahr.

Ich wollte gerne wissen, was Schmidt sich da angesehen hatte und wandte mich ans Deutsche Rundfunkarchiv, wo man meine Frage umgehend (nämlich innerhalb von 40 Minuten!) beantworten konnte:

Ich, Old Shatterhand und Kara ben Nemsi
Autor: Artur Müller
Regie: Artur Müller
Erstsendung: 21. März 1961
Dauer: 53 Minuten
Sender: ARD

Ok, muss man nicht unbedingt wissen. Aber es schadet auch nichts, wenn man es weiß.

Arno Schmidts Artikel in der NDB

13. Januar 2017, 18.24 Uhr | Giesbert Damaschke

1959/1960 schrieb Schmidt drei Beiträge für die ›Neue Deutsche Biographie‹, und zwar zu Friedrich de la Motte-Fouqué, Samuel Christian Pape und Karl May. Ein vierter Beitrag zu Justus Erich Bollmann wurde zwar vereinbart, hier liegen aber nur einigen Exzerpte vor, einen entsprechenden Beitrag hat Schmidt nicht geschrieben. Der Beitrag zu Karl May wurde von der Redaktion nicht angenommen. Die beiden veröffentlichten Beiträge stehen auch online zur Verfügung:

Es gibt natürlich auch einen Beitrag zu Schmidt selbst, geschrieben von Bernd Rauschenbach:

Lektürewochenende ›Kühe‹ & ›Caliban‹

11. Januar 2017, 17.01 Uhr | Giesbert Damaschke

Die Arno Schmidt Stiftung veranstaltet vom 19. bis 21. Mai am Nordkolleg Rendsburg ein Lesewochenende. – Aus dem Programmtext:

Im Mittelpunkt des Lese-Seminars stehen Arno Schmidts »Ländlichen Geschichten«. Der Erzählungszyklus entstand von 1960–1963, nach dem Roman »Kaff« und vor dem Beginn der Arbeit an »Zettel’s Traum«. In diesen Texten, die alle in der Gegend seines Wohnortes Bargfeld angesiedelt sind, entwickelte der Autor poetische Verfahren, mit denen er auch im Spätwerk arbeitete: Verschreibungen, Doppelsinn, Metaphorisierungen, Nutzbarmachung psychoanalytischer Verfahren und Rückgriffe auf einen mythischen Erzählfundus.

Die beiden Erzählungen, die gemeinsam gelesen werden, sind sehr unterschiedlich angelegt. Während »Kühe in Halbtrauer« sehr vermittelt über Nationalsozialismus und Kriegserfahrung berichtet, und darüber, wie die Nazi-Vergangenheit in der Bundesrepublik der frühen 60er Jahre auffällig nicht-thematisiert wurde, wird in »Caliban über Setebos« der Orpheus-Mythos neu erzählt – über vielerlei Anspielungen auf Kunst und alte Literatur.

In Lektüre und Gespräch erarbeiten die Teilnehmenden gemeinsam mit den Dozenten ihr Verständnis des Textes. Die Kenntnis dieser oder anderer Texte Arno Schmidts wird nicht vorausgesetzt.

scheinbar & anscheinend

7. Januar 2017, 15.04 Uhr | Giesbert Damaschke

Zwischen »scheinbar« und »anscheinend« liegen bekanntlich ganze Bedeutungswelten. Da ist es einigermaßen verblüffend, dass Schmidt diesen Unterschied in seinem Werk immer wieder ignoriert (da er beide Wörter auch oft korrekt benutzt, kann man wohl davon ausgehen, dass ihm der Unterschied durchaus bewusst war). Warum macht er das? Darum:

Sie verkennen scheinbar – laut ›Duden‹ anscheinend: aber ich halte mich an die Umgangssprache; bzw. danach, ob ich ein zwei= oder dreisilbiges Wort im Text brauche […].
An Wilhelm Michels, 10. Februar 1959 (BWM, Nr. 117)

Dass er bei der Rechtfertigung seines nunja Fehlers gleich wieder einen macht und ein »danach« benutzt, wo man ein »daran« erwartet: das muss man wohl einfach hinnehmen.

Zündwurst

31. Dezember 2016, 16.49 Uhr | Giesbert Damaschke

Am 10. Februar 1956 notierte Alice Schmidt in ihrem Tagebuch einen Besuch Wilhelm Michels. Man spricht über dies und das, und Arno Schmidt gibt Michels ›Geschichte auf dem Rücken erzählt‹ und ›Todesstrafe bei Sonnenschein‹ zu lesen, die Michels aber nicht recht zusagen. Bei ›Geschichte auf dem Rücken erzählt‹ erkennt Michels eines seiner Gastgeschenke wieder:

Er sagte: Ach da ist die Asbachflasche! Hier müssen wir vorsichtig sein. Herr Schmidt läßt das schnell mal erscheinen.

Was Schmidt umgehend bestätigt:

Arno: Jawohl, hier wird alles auf Kurzgeschichten verarbeitet!

Für diese umgehende Verarbeitung alltäglicher Bagatellen in Literatur liefert das Tagebuch wenig später ein hübsches Beispiel. Am 3. Mai notierte Alice Schmidt:

Dann keine V[orlesung], neues frz. Lexikon mit Sachs-Vilatte verglichen, ist doch auch im franz. Teil vieles anders. Auch älterer Wortschatz unverächtlich. Doch ein guter Kauf. Müssen auch viel lachen: Leitrinne in welcher die Zündwurst liegt: auget.

Drei Tage später, am 6. Mai, heißt es:

A […] schreibt Stürenburggeschichte ›Sonnenmetheor‹.

Gemeint ist die Erzählung ›Sommermeteor‹ – und in dieser Geschichte hat Schmidt den lustigen Fund aus dem Wörterbuch prompt verarbeitet:

Vorm Bücherregal. Ich griff eins heraus, dessen Farbe mir leidlich ins Gesicht fiel; dunkelgrüner Lederrücken mit hellgrünem Schildchen: ‹J. A. E. Schmidt, Handwörterbuch der Französischen Sprache. 1855›. Ich schlug aufs geratewohl auf, Seite 33: ‹Auget = Leitrinne, in welcher die Zündwurst liegt› – ich kniff mich in den Oberschenkel, um mich meiner Existenz zu vergewissern: Zündwurst??!! (und dieses ‹auget› würde ich nun nie mehr in meinem Leben vergessen; ein gußeisernes Gedächtnis ist eine Strafe!). –

Bleibt noch anzumerken, dass Schmidt, gußeisernes Gedächtnis hin oder her, das Wort »auget« anschließend nie wieder in seinem Werk benutzt zu haben scheint (die Volltextsuche der BA auf CD liefert exakt den einen Treffer in dieser Erzählung, das Register zu ›Zettel’s Traum‹ verzeichnet weder »auget«, noch »Leitrinne« oder »Zündwurst«).

Briefregister, Update 2

21. Dezember 2016, 19.51 Uhr | Giesbert Damaschke

Im Februar habe ich damit begonnen, die Briefe Arno Schmidts im Briefregister zu verzeichnen. Anfangs wurden nur die Briefbände der ›Bargfelder Ausgabe‹ und der ›Postauto‹-Band ausgewertet, später kamen auch Briefe hinzu, die an anderer Stelle ganz oder in Auszügen veröffentlicht sind. Inzwischen umfasst das Register 856 Briefe  (wobei »Briefe« hier als Oberbegriff für Postsendungen aller Art benutzt wird).

Das Register verzeichnet nicht nur veröffentlichte, sondern auch Verweise auf unveröffentlichte Briefe. Dazu habe ich jetzt damit begonnen, die Tagebücher Alice Schmidts durchzugehen (aktuell wurde das ›Tagebuch 1954‹ ausgewertet).

Dabei ist allerdings zu beachten, dass die in den Tagebüchern genannten Daten in der Regel zwar stimmen, aber nicht immer zuverlässig sind, da Alice Schmidt ihre Tageseinträge  mitunter nachgetragen hat, wobei naturgemäß kleinere Irrtümer auftreten. So verzeichnet sie etwa am 25. Dezember 1954 den Empfang eines Care-Pakets – was ja eher unwahrscheinlich ist (oder wurden Care-Pakete auch an Feiertagen zugestellt?). Ein von ihr genannter Brief kann also durchaus vor oder nach dem Datum des Tagebuchs geschrieben worden sein. Es ist auch nicht immer eindeutig zu entscheiden, ob ein Brief von Arno oder von Alice Schmidt geschrieben wurde.

Das Register besitzt deutlichen Notizen- und Werkstatt-Charakter: die Notation ist nicht normiert, bei manchen Briefen habe ich in Stichpunkten notiert, worum es in den Briefen geht, bei anderen nicht, Tippfehler bei den Daten kann ich auch nicht sicher ausschließen. Und natürlich ist es immer möglich, dass ich etwas übersehen habe.

Das Register ist nach wie vor nur eine simple, chronologische Liste, andere Sortiermöglichkeiten werde ich einbauen, wenn ich dazu komme. Wer mit dem Datenbestand arbeiten will, kann ihn sich als CSV-Datei ausgeben lassen und etwa in Excel importieren.