Bargfelder Bote, Lfg. 410

6. April 2017, 18.14 Uhr | Giesbert Damaschke

Die Lieferung 410 des ›Bargfelder Boten‹ ist in der Auslieferung. Inhalt:

  • Stefan Höppner: Mit der Narrenkappe geschrieben (Rezension ›Bottom’s Dream‹)
  • Günther Flemming : Ein Blick auf die Übersetzung von ›Zettel’s Traum‹ ins Amerikanische
  • Friedhelm Rathjen: Verpasste Chancen. Warum Arno Schmidt so spät nach Amerika kam
  • In letzter Zeit ist erschienen und zu unserer Kenntnis gelangt

Briefregister, Update 3

6. April 2017, 18.12 Uhr | Giesbert Damaschke

Das es gerade so eine schöne Zahl ist, eine kurze Meldung zum Stand des Briefregisters. Das umfasst aktuell, nach gut einem Jahr Sammelarbeit: 1111 Briefe.

Update, 8.4.: Friedhelm Rathjen hat mich auf zwei Dopplungen hingewiesen. Jetzt sind’s nur noch 1109 Briefe. Schade.

Update, 9.4.: Friedhelm Rathjen hat noch 2 Briefe aufgetrieben, die ich bislang nicht verzeichnet hatte – es sind also dóch wieder 1111 Einträge.

»schlichter Unfug«

21. März 2017, 13.52 Uhr | Giesbert Damaschke

Bei dtv erscheint eine neue, von Andreas Nohl übersetzte und auf fünf Bände angelegte Poe-Ausgabe, die sich bei Zusammenstellung und Auswahl an der wirkmächtigen Übersetzung von Charles Baudelaire orientiert. Der Übersetzer Andreas Nohl hat für Schmidts und Wollschlägers Poe-Übersetzung nicht viel übrig:

Um es kurz zu sagen: Sie haben Poe ein prätentiöses historisches Idiom schreiben lassen, so, als wenn Poe eher ein Autor des 18. oder gar 17. Jahrhunderts gewesen wäre. Das liest sich heute stellenweise ziemlich albern. Und ich muss sagen, man kann Poe nicht so ins Deutsche übersetzen, als ob es die stilistischen Errungenschaften Goethes noch nicht gegeben hätte. Das ist gegenüber Poe, aber auch gegenüber der deutschen Literatur, zu der eine Übersetzung am Ende ja gehört, schlichter Unfug ….

Auf der Webseite zur Ausgabe lässt sich eine Leseprobe abrufen.

Aus der Wortspielhölle

21. März 2017, 13.41 Uhr | Giesbert Damaschke

Beipackszettels Traum

überschreibt Willi Winkler in Literaturbeilage der ›Süddeutschen Zeitung‹ seine Rezension zu Ingeborg Bachmanns ›Male oscuro. Aufzeichnungen aus der Zeit der Krankheit‹.

Faulkner, Bulwer

19. März 2017, 17.41 Uhr | Giesbert Damaschke

Zur Leipziger Buchmesse wird die Reihe mit Schmidts Übersetzungen mit William Faulkners ›New Orleans‹ fortgeführt. Neben den frühen Erzählungen Faulkners enthält der Band die Satire ›‹Piporakemes!›‹ und ein informatives Nachwort von Bernd Rauschenbach. Die Ausstattung ähnelt der von Bulwers ›Was wird er damit machen?‹, dessen Nachwort von Bernd Rauschenbach nun aus Anlass der Faulkner-Ausgabe auf den Seiten der Stiftung nachgelesen werden kann.

Zahnärzte

10. März 2017, 12.40 Uhr | Giesbert Damaschke

»… jeder schöngeistige Zahnarzt ist ernsthaft der Meinung, er sei dem Künstler über, weil er ihn ablehne …«

Kurt Tucholsky, ›Die Aussortierten‹ (1931)

»Arno Schmidt: Eine Wildsau im Acker unserer deutschen Sprache!«

Dr. Hans Spierling, Zahnarzt (Leserbrief im ›Spiegel‹ 23/1959)

»Ich versetzte dem Namensschild des Inhabers, freilich war es ein Zahnarzt, einen komplizierten Tritt, und verließ das Lokal.«

Arno Schmidt, ›Schwarze Spiegel‹ (1951)

Schmidt erfindet einen Brief Nietzsches

21. Februar 2017, 14.39 Uhr | Giesbert Damaschke

Ein kleiner Nachtrag zum gestrigen Beitrag. Dort zitiere ich aus einem Brief von Hans Wollschläger, in dem er schreibt, Schmidt habe »ganz ähnlich« wie beim erfundenen May-Brief »einen Brief Nietzsches fingiert«. Das wollte ich doch gern einmal etwas genauer wissen und habe die digitale BA nach Nietzsche-Nennungen bzw. einem Zitat aus einem Nietzsche-Brief durchsucht. Da gibt es nur eine passende Fundstelle (›Aus dem Leben eines Fauns‹, BA I, 1, S. 307):

Ich schlug die biegsame blaue Kröner-Ausgabe auf, und las den Brief, den Friedrich Nietzsche 1891 von der Hebrideninsel Skye an Jakob Burckhardt gerichtet hat: »….. Am Strande, zwischen Planken und anderem stürmisch gekrümmtem Holz, und ein ganzer Himmel von Seesternen wimmelt langsam um mich Schreibenden her: wir bauen die Drachen nun doch ohne furchtsames Verdeck; am ersten Mast wallt schon die Segeldecke mit scharfer roter Borte. – Zwei der Boote werden vorausfahren, als Spähtrupp, als Raben, als Templeisen. Ich, Führer des Haupttreffens, folge wenige Tage später mit den restlichen sechs Schiffen: mein nächstes Lachschreiben (sic!), Freund, wirst Du bereits aus Helluland erhalten, sobald wir die Baustellen für unsere shanties uns auserlesen haben …..« (dann wirrte sich aber der Text, und ich schlug die Seite um, und geriet in Fragmente und Notizen, bis ich erwachte. – Geschieht mir oft, so in Büchern zu blättern. Aber komisch, wo ich N. doch sonst nicht verknusen kann!).

Dieser Brief ist offensichtlich eine Erfindung: 1891 – zwei Jahre nach seinem Zusammenbruch in Turin – war Nietzsche nicht auf Skye, sondern bei seiner Mutter in Naumburg. Aber Wollschlägers Vergleich mit dem fingierten May-Brief ist ein wenig schief. Bei der ›Faun‹-Stelle handelt es sich um eine Fiktion innerhalb einer Fiktion, die obendrein auch als Übergang in den Schlaf gelesen werden kann, der Brief also gar nicht zitiert, sondern vom Ich-Erzähler geträumt wird (wozu auch der Tonfall passt, der an ›Enthymesis‹ oder ›Gadir‹ erinnert). Beim Essay ›Abu Kital‹ setzt Schmidt die Brief-Fiktion dagegen als Beweismittel ein – aber vielleicht ist der erfundene May-Brief auch nur ein Signal mehr, dass man Schmidts Radio-Essays nicht mit literaturwissenschaftlicher Elle messen sollte.

Vermutlich ist das eine alte Kamelle und steht wohl schon in Dieter Kuhns ›Kommentierendes Handbuch zu Arno Schmidts Roman »Aus dem Leben eines Fauns«‹, München 1986, das ich nicht zur Hand habe. Sei’s drum.

Wie Arno Schmidt einen Brief Karl Mays erfand

20. Februar 2017, 14.05 Uhr | Giesbert Damaschke

In Schmidts Dialog ›Abu Kital‹ aus dem Jahr 1957 findet sich – BA II, 2, S. 50 – folgendes vorgebliches Zitat aus einem Brief Karl Mays vom 14. Oktober 1902, in dem May angeblich Nietzsches Sprache zu recht »schulmeistert«:

Können Sie Jemanden bewundern, der es fertig bringt, zu schreiben (jetzt breit leiernd): ‹Die Naturwissenschaft der Tiere bietet ein Mittel, diesen Satz wahrscheinlich zu machen›? (wieder normale Stimme): Statt ‹Naturwissenschaft der Tiere› müßte es doch wohl zumindest ‹Naturwissenschaft von den Tieren› heißen; aber selbst so: wo lebt der Mensch, dem dafür nicht ‹Zoologie› einfiele? Dann weiter; sie ‹bietet ein Mittel›?: er meint wohl: ‹sie bietet Material dar›? Auf gut Deutsch jedenfalls hieße Nietzsches Schwulst: ‹Die Zoologie könnte vielleicht Beweismaterial liefern› – und das ist Einer, der von sich rühmt, ‹an einer Seite Prosa zu arbeiten, wie an einer Bildsäule›?!«

An wen dieser Brief gerichtet gewesen sein soll verrät Schmidt ebenso wenig wie den Fundort. Nun ist es zwar nicht unmöglich, dass Schmidt 1957 einen Brief Mays in die Finger bekommen hat, dem er das Zitat entnahm – aber es ist doch ziemlich unwahrscheinlich. Auch irritiert der knappe, pointierte Tonfall. Obendrein wäre dieser Brief wohl die einzige Stelle, an der May die Wörter »zumindest« und »Schwulst« benutzt, die sich ansonsten im Gesamtwerk nicht nachweisen lassen. Kurz: das Zitat passt einfach nicht zu Karl May – wohl aber zu Arno Schmidt.

Hans-Rüdiger Schwab bringt in seiner Untersuchung zu May und Nietzsche zwar dieses Zitat, schränkt in einer aufschlussreichen Fußnote seine Validität aber deutlich ein:

Hans Wollschläger hält diesen Brief »für eine Erfindung Schmidts, der mir auf Fragen nach der Quelle immer ausweichend antwortete; er hat ja auch ganz ähnlich einen Brief Nietzsches fingiert und liebte solche Fiktionen. In seinem Nachlaß ist jedenfalls keine Spur davon zu finden, wie er an ein solches Schriftstück gekommen sein könnte.« (Brief an den Verf. v. 21. 1. 2001).

Auch wenn Schwab sich etwas irritiert zeigt: Da wird Hans Wollschläger wohl ganz einfach recht haben – diesen Brief hat Schmidt schlicht erfunden.

Bargfelder Bote, Lfg. 408-409

9. Februar 2017, 16.42 Uhr | Giesbert Damaschke

Die neue Lieferung des Bargfelder Boten ist erschienen. Inhalt:

  • Thomas Eichhorn: »Feine Psychologica«. Arno Schmidt über Wilkie Collins
  • Lenz Prütting: Offener Brief an Günther Flemming in Sachen »Pharos«
  • Friedhelm Rathjen: Hinweis auf Holger Hattesen. Mit Informationen von Anni Bøgh Hattesen
  • Kai U. Jürgens: Der defekte Rest [Rezension der ›Bildbiographie‹]
  • Gehört, gelesen, zitiert
  • In letzter Zeit ist erschienen und zu unserer Kenntnis gelangt

Was Schmidt am 21. März 1962 im Fernsehen gesehen hat

7. Februar 2017, 18.07 Uhr | Giesbert Damaschke

In ›Sitara und der Weg dorthin‹ notiert Schmidt zu einem Bild von Sascha Schneider:

Blatt 9 bringt den, (neulich auch televisionär=schwebenden) WINNETOU; bei dessen Anblick ein plattdeutsch=hiesiger Dorfknabe – bis dahin leidenschaftlicher MAY=Verehrer entrüstet aufschrie: ‹Dat iss ja ’n Mäkn!›; was mir in seiner naiven Voxpopulität & als ‹erste Reaktion› immerhin beachtlich & festhaltenswert erschien.

Diese Sendung erwähnt Schmidt auch in einem Brief an Hans Wollschläger vom 22. März 1962:

Gestern, bei der Television des schwebenden W. rief ein unbefangener ›Seher‹: ›Dat iss ja’n Meeken!‹ – Wie wahr, wie wahr.

Ich wollte gerne wissen, was Schmidt sich da angesehen hatte und wandte mich ans Deutsche Rundfunkarchiv, wo man meine Frage umgehend (nämlich innerhalb von 40 Minuten!) beantworten konnte:

Ich, Old Shatterhand und Kara ben Nemsi
Autor: Artur Müller
Regie: Artur Müller
Erstsendung: 21. März 1961
Dauer: 53 Minuten
Sender: ARD

Ok, muss man nicht unbedingt wissen. Aber es schadet auch nichts, wenn man es weiß.