Schmidt und die Kirchenväter
Die Augsburger Allgemeine zitiert Schmidt und versteht ihn prompt falsch:
Den Text fand er [Händel] bei einem Zeitgenossen, dem Hamburger Ratsherrn Barthold Heinrich Brockes (1680 – 1747) – „Kirchenvater der Naturlyrik“ spöttelte Arno Schmidt über ihn – der in seinem Garten sitzend, mit der Seele hörend, alles was um ihn herum grünte und blühte in den rührendsten Tönen bedichtete […].
Schmidt soll über Brockes gespöttelt haben? Wohl eher nicht. Lesen wird die Stelle rasch im Kontext des Brockes-Essays Nichts ist mir zu klein nach:
Am 22. September, vor 275 Jahren, wurde zu Hamburg BARTHOLD HEINRICH BROCKES geboren, der erste wirkliche Realist und Kirchenvater deutscher Naturbeschreibung.
BA II, 1, 132
Das ist natürlich kein Gespöttel, sondern eines der höchsten Komplimente, die Schmidt überhaupt machen konnte. Anscheinend denkt der Autor der Augsburger Allgemeine, dass Schmidt ein Wort wie „Kirchenvater“ nur negativ meinen könnte.
Wie ein kursorischer Gang durchs Werk – an dieser Stelle rasch einen Toast auf die Bargfelder Ausgabe auf CD! – leichtlich zeigt, ist das natürlich nicht der Fall.
Falls Schmidt nicht tatsächlich die echten Kirchenväter mein, benutzt er das Wort im übertragenen Sinn: Goethe ist der „Kirchenvater deutscher Poesie“ (II, 1, 350; II, 1, 374), Klopstock ein „Kirchenvater verschwommener Teutomanie“ (II, 1, 177), der Astronom Johann Heinrich von Mädler ist einer der „Kirchenväter der MondTopographie“ (IV, 4, 77) und Lews Carroll war für Schmidt bekanntlich der „Kirchenvater aller modernen Literatur!“ (III, 4, 249; III, 4, 317; III, 4, 465).
Also, liebe Augsburger Allgemeine: Nicht überall, wo „Kirche“ dransteht, ist auch „Kirche“ drin.

Ein Kommentar zu Schmidt und die Kirchenväter
Andreas Weigel schreibt:
19. Juni 2010, um 18:28
Apropos Bargfelder Ausgabe auf CD: Wann kommt denn das seit Jahren versprochene digitale “Zettel’s Traum”-Update? Das gedruckte Exemplar ist ja endlich unter Dach und Fach.
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