Notizen zur ZT-Broschüre

4. April 2010, 14.50 Uhr | Giesbert Damaschke

Inzwischen habe ich die erwähnte Broschüre zu Zettel’s Traum bekommen (man kann sie sich von der Arno Schmidt Stiftung zuschicken lassen, meine kam vom Antiquar Wiedenroth in Bargfeld) und kann ein wenig mehr zu dieser hübschen Publikation sagen.

Nach einer Einleitung (»Was stünde nicht in Zettel’s Traum?«) und Zitaten aus Vorläufiges zu Zettels Traum, folgen Inhaltsangaben zu den acht Büchern von Zettel’s Traum, Auszüge aus Briefen Arno und Alice Schmidts und aus dem Tagebuch Alice Schmidts. Der Setzer Friedrich Forssman gibt einen knappen Abriss über das Unterfangen, den eigentlich unsetzbaren Roman zu setzen, das Ergebnis wird mit einem Ausschnitt aus dem Faksimile und dem entsprechenden Satz demonstriert. Abschließend finden sich Angaben und Preise zu den verschiedenen Ausgaben. Aufgelockert wird die Broschüre durch vier doppelseitige Fotos der Zettelkästen.

Das schöne Plakat, in dem Schmidt im Unterholz verschwindet, wird leider nicht der Umschlag von Zettel’s Traum sein. Der nämlich zeigt ein Wachholder-Foto mit dem Titel „Arno Schmidt Zettel’s Traum“ als Textsäule, in der jedem Wort eine eigene Zeile eingeräumt wird. Das mag ein wenig an die „unendliche Textsäule“, die Zettel’s Traum ist, erinnern, gefällt mir aber trotzdem nicht so gut wie das Plakat:

Der Umschlag (rechts) wird (leider) anders aussehen als das Plakat (links).

Die Inhaltsangaben zu den acht Büchern bieten eine knappe Einführung in das Geschehen des Romans und wecken Lust, den Roman noch einmal zu lesen (mal sehen, wie lange diese Lust dann tatsächlich anhalten wird ;-)).

Die Gegenüberstellung von Faksimile und Satz zeigen, dass Setzer und Herausgeber hier vor einer eigentlich nicht zu lösenden Aufgabe standen. Schon bei einem flüchtigen Vergleich fällt auf, dass in den Textumbruch eingegriffen wurde (werden musste): Teile, die im Typoskript etwa in der Mittelspalte stehen, finden sich nun plötzlich in einer anderen Textspalte wieder.

Das ist auf Anhieb irritierend, lässt sich aber wohl leicht erklären. Der Text läuft an diesen Stellen fließend von der Mitte nach links. Hätte man den Zeilenfall exakt nachgebildet, wäre die letzte Zeile der Mittelkolummne nur halb gefüllt und der Textfluss unterbrochen worden, was der Autorabsicht offensichtlich widersprochen hätte.

Doch gleichzeitig gerät der Übergang von der Handlungs- in die Poe-Spalte nun abrupter als im Typoskript. Dort geschieht der Wechsel mitten im Satz punktgenau an der Stelle, an der es wieder um Poe geht: „Denn Wilma hier hat“ – Wechsel – „MB [die Poe-Analytikerin Marie Bonaparte] sich fundamental=geirrt“:

Im Druck rutscht der Anfang des Satzes nach links, so dass ein Teil, der eigentlich in die Mitte gehört, auf die Poe-Ebene rutscht:

Das passiert auf der Seite gleich noch einmal. Im Typoskript steht Einige dünnere ja; denn): in der Mitte, der Doppelpunkt am Schluss leitet nahtlos vom Gedanken des Ich-Erzählers zur Poe-Diskussion nach links hinüber: "Die scheinbare Geschlossenheit der Tsalal=Fabel […]". Im Druck steht die gesamte Zeile (Einige dünnere ja; denn) : »Die scheinbare Geschlossenheit der Tsalal=Fabel […]« in der linken Spalte.

Wie gesagt – das scheint ein unvermeidbarer Kompromiss zu sein, aber der Vergleich Typoskript/Satz wird wohl noch so manchen Leser, Setzer und Philologen beschäftigen.

Eines zeigt der Vergleich allerdings auch sofort: die gesetzte Fassung ist um ein Vielfaches besser lesbar und räumt Hindernisse aus dem Weg, die vom Autor in dieser Form sicherlich nicht beabsichtigt waren.

Kommentar hinzufügen | Trackback.

3 Kommentare zu Notizen zur ZT-Broschüre

Susanne Fischer schreibt:
4. April 2010, um 18:28

Danke für die aufmerksame Würdigung!
Wenn Du durch das Faksimile blätterst, wirst Du bemerken, daß der Spaltenwechsel bei Schmidt meistens weniger exakt verläuft als auf dieser Seite.

Giesbert Damaschke schreibt:
4. April 2010, um 20:51

Ja, das wird noch spannend, eure Herkules-Arbeit nachzuverfolgen – und besserwisserisch zu bekochlöffeln ;-). Da wird es mit Sicherheit jede Menge AS-Leser geben, die es gar nicht abwarten können, euch alle möglichen Fehler nachzuweisen. Damit wird man wohl leben müssen und sich Oskar Panizza anverwandeln: Das Publikum hat eben gar keine Ahnung von den Umständen, unter denen der Dichter produziert und den Inhalt seiner Inspiration vor die Öffentlichkeit bringt.

Ich für meinen Teil habe jedenfalls wie seit langem nicht mehr Lust, mich in ZT zu verlieren. Aber auch den starken Verdacht, dass die Lust spätestens bei der dritten schier endlosen Poe-Analyse verebben wird. Na, mal sehen. Jetzt will ich das erstmal in der Hand haben.

ASml-News | Broschüre zu „Zettel’s Traum“ als PDF schreibt:
21. November 2010, um 0:58

[...] die besonderen Probleme beim Satz des Romans. Auf der Webseite findet sich auch der bereits erwähnte Prospekt zu „Zettel’s Traum“ als PDF-Datei (die auch bei Surhkamp geladen weden kann), dessen [...]

Ihr Kommentar