Arno Schmidt. Das große Lesebuch

24. November 2013, 13.08 Uhr | Giesbert Damaschke

Arno Schmidt Lesebuch CoverWenn ein Buch den Titel „Das große Lesebuch“ besitzt, dann erwartet man nicht unbedingt ein 440-Seiten-Taschenbuch. In diesem Fall hatte der Herausgeber wohl keine Wahl, handelt es sich doch um einen Reihentitel und also um ein Vorgabe des Verlags. Doch der Titel ist auch schon das einzige kleine Ärgernis des Arno-Schmidt-Lesebuchs, auf dessen Cover Arno Schmidt den Leser in ungewohnt entspannter Mimik anlächelt. Bernd Rauschenbach hat eine gelungene Auswahl zusammengestellt, die das gewaltiges Werk in seinen verschiedenen Facetten auf relativ engem Raum abbildet. Auf Kostenproben der „Juvenilia“ wurde dankenswerterweise verzichtet, das Spätwerk und die Funkessays fehlen wohl aus Platzgründen.

Die Anordnung der durchaus sehr unterschiedlichen Texte folgt dabei keiner chronologischen, sondern einer inhaltlichen Ordnung, wobei komplexe und den Einsteiger wohl eher ratlos zurücklassende Texte aus den „Ländlichen Erzählungen“ neben eingängigen Miniaturen aus den „Stürenburg-Geschichten“ stehen.

Die Sammlung gliedert sich in drei Abschnitte. Im ersten Teil finden sich sieben kürzere Texte wie „Verschobene Kontinente“ oder „Seltsame Tage“, aber auch die umfangreichere Erzählung „Pharos oder von der Macht der Dichter“ und vor allem das kunstvolle Kabinettstück „Tina oder über die Unsterblichkeit“.

Es folgen fünf Beispiele für Schmidts essayistisches Werk, darunter „Der Platz, an dem ich schreibe“ und die „Dankadresse zum Goethepreis 1973“.

Nach diesem eher behutsamen Einstieg in den erzählerischen Kosmos Arno Schmidts geht der dritte Teil (der mit  rund 280 Seiten mehr als die Hälfte des Lesebuchs füllt) in die Vollen. Hier finden sich zwar auch, wohl zur Auflockerung, eingängige, kurze Texte wie „Trommler beim Zaren“, „Was soll ich tun“ oder „Die Wasserlilie“, aber es überwiegen die längeren und deutlich komplexeren Erzählungen wie „Schwarze Spiegel“, „Enthymesis oder W.I.E.H.“, „Seelandschaft mit Pocahontas“ und „Goethe und Einer seiner Bewunderer“. Mit „Kühe in Halbtrauer“ und „Die Abenteuer der Sylvesternacht“ finden auch zwei anspruchsvolle Beispiele aus den „Ländlichen Erzählungen“ ihren Platz, in denen sich Thema und Erzählstrategie des verständlicherweise nicht vertretenen Spätwerks ankündigen.

Eingerahmt wird die Prosa-Auswahl durch zwei Gedichte („Ich habe mich dem Leben nie verweigert“ und „Hundstagsspaziergang“), ein knapper Abriss von Arno Schmidts Leben und Textnachweise bilden den Anhang.

Vermutlich würde jeder Schmidt-Leser eine jeweils andere Auswahl und eine andere Zusammenstellung wählen, aber Bernd Rauschenbach hat die fast unmöglich scheinende Aufgabe, Schmidts Werk für neugierige Leser zugänglich zu machen, deren Schmidt-Kenntnisse vor allem aus Feuilleton-Gerüchten bestehen, mit Bravour bewältigt.

Wenn Sie in Zukunft gefragt werden, was man von Schmidt denn lesen sollte, um einen Zugang zu dem völlig zu Unrecht als „schwierig“ verschrieenen Autor zu bekommen: dann drücken Sie den Fragenden einfach dieses Lesebuch in die Hand. Damit können Sie nichts falsch machen.

Arno Schmidt. Das große Lesebuch. Hrsg. v. Bernd Rauschenbach. Frankfurt/M.: Fischer 2013. 445 Seiten. ISBN 978-596-90555-3. 9,99 Euro.

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2 Kommentare zu Arno Schmidt. Das große Lesebuch

Bonaventura
24. November 2013, um 15:14

Es gibt noch ein kleines Ärgernis, aber das verrate ich erst auf Bonaventura. 🙂

Hagen Enke
30. Januar 2014, um 17:05

So sehr ich auch das Problem Platz und Format verstehe; ohne Kostproben aus dem Spätwerk kann man die Publikation nicht Lesebuch nennen. So fehlt ja schon rein quantitativ die Hälfte des Gesamtwerks!

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